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1872-1883

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

o daß auch auf ihres letzten Kindes Ehrentag derselbe warme Sonnen— 
schein ruhte wie auf dem Frühlingstag, da beide Eltern im Silberschmuck 
hr erstes Kind ziehen ließen. 
Ferdinandens nächste Lebensaufgabe war erfüllt: keines ihrer Kinder 
war mehr ihrer besonderen Fürsorge überlassen, aber indem sie umher— 
schaute in dem großen Kreis ihrer Nächsten, der an dem letzten Festtag 
des alten Hauses sie umschloß, mußte sie empfinden, wie jedes der Kinder— 
häuser in seiner eigenen Weise ihrer Mutter- und Großmutterliebe be— 
durfte, konnte sie ahnen, daß ihr an Erfahrung, Rat, Trost und Freude 
o reiches Mutterherz der Sammelpunkt und die stille Zuflucht ihrer Kinder 
bleiben werde für allezeit. 
An Narua Statß' 
Gelnhausen, 11. August 1875. 
Meine liebe Jüngste („und nicht Geringste“)! 
Do En nun meine liebe Hauswirtin geworden bist, richte ich 
billig auch ncinee ersten Reisebrief an Dich. Als wir gestern Ab— 
schied genommen freute ich mich über mein nettes vis-a-vis, die still 
ind sinnig aussah. Ich entschuldigte im voraus mein Schweigen mit 
dem Gerassel, dem meine Stimme nicht gewachsen sei, und träumte 
die ersten Stationen recht ungestört vor mich hin, was mir ganz be— 
haglich war — ich habe ja so viel alte und neue liebe Bilder zu 
hetrachten und mich darauf wieder zu besinnen. Bei meiner Fahrt 
von Halle aus hatte ich Dich immer in Gedanken bei mir sitzen und 
sah Dich leise und laut herzlich lachen. Ich fühlte mich anfangs gar 
nicht dazu aufgelegt und machte mehr pädagogische Glossen über den 
modernen Geist der Frauen und Mädchen, veranlaßt durch eine junge 
Kölnerin, die in Halle von einem stattlichen Offizier ins Coupé ge— 
lootst wurde. Daß der „Vetter“ zugleich ihr Bräutigam sei, ließ sich 
erraten, und sie konnte es ungefragt nicht lange verschweigen — ihre 
Stimme war sehr auffallend, was sich später damit erklärte, daß sie 
eine halbe Spanierin war und ganz spanisches Temperament hatte — 
was sie anfangs nur der alten Dame, ihrem vis-aà-vis, konnte zu 
gute kommen lassen, da meine Nachbarin und ieh still und zurückhal— 
tend blieben. Nun stieg aber in Weiman noch ein brauner Feuerkopf 
ein, eine französische Schweizerin, die Iuf der Reise von Danzig nach 
der Heimat in Weimar ihren Bräulugam nach drei Jahren wieder— 
gesehen. In Eisenach wurde abermals — trotz alles Protestierens 
wvegen Vollheit und Hitze — eine Dame hereingeschoben — eine blonde,
	        
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