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1861-1870

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

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diplomatischer Klugheit und Entschlossenheit. Friedrich, der sich bei 
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uns gebildete, aber schwächliche Deutsche so oft verletzt fühlte, ist be— 
sonders über die Anerkennung im Ausland froh; und ich habe schon 
einen freundlichen Brief aus Süddeutschland gelesen, worin scherzend 
auf die Möglichkeit angespielt wurde, die Länder, welche die Habs— 
burger dem deutschen Reich schmählich vergeben haben, durch die Hohen— 
zollern wieder zu erwerben. Aber eins darfst Du doch nicht ablehnen, 
ich meine die Mitwirkung der deutschen Mütter diesseit und jenseit des 
Mains, um die Empfindungen zu heilen und wärmere Einigkeit im 
kommenden Geschlecht zu pflegen. Du kennst meine Jugendliebe zu 
Frankfurt, und ich fühle gewiß mit ihm. Wenn es Härteres erfahren 
hat, als recht ist, so ist doch kein Tropfen Blut eines Frankfurters 
vergossen worden, wenigstens so viel ich weiß. Wie viel trauriger 
müssen die Empfindungen in Hannover sein, und doch war es nicht 
möglich, einen feindlichen Bundesgenossen mitten zwischen den Grenzen 
Preußens zu dulden. Es war Frankfurt der Herd des Preußenhasses; 
suchten doch fünf Redakteure das Weite, als die Preußen einrückten! 
Offiziere hatten dort wahrscheinlich in früherer Zeit, weil sie Preußen 
waren, Zurücksetzungen erfahren; man erzählte namentlich von einer 
polizeilichen Härte gegen die Frau eines preußischen Majors um die 
Zeit des 14. Juni. Das entschuldigt nicht, aber es erklärt einiges; 
denn was im preußischen Heere in dieser Weise einem Offizier ge— 
schieht, geschieht allen. Dies wird vorübergehen. Denn von anderswo 
als von Frankfurt ist über das preußische Benehmen und die preußi— 
schen Soldaten wenig oder gar nicht geklagt. Wenn erst die Söhne 
Frankfurts, Mann für Mann, ins preußische Heer eintreten, wie in 
die Volksschule des Gehorsams und der Tapferkeit, deren fünfzig— 
jährige Übung in Preußen sich so bewährt hat, so wird allmählich 
die Sache sich machen, wie es doch mit unserer Provinz Sachsen und 
selbst mit den katholischen Rheinlanden sich trefflich gemacht hat. Schon 
im Jahr 1849, als ich in der Kammer war, sangen die rheinischen Ab— 
geordneten beim Gastmahl deutsche und preußische Lieder mit uns aus 
vollem Herzen. Bei Deiner Äußerung von dem wilden und unbän— 
digen Kinde, das Preußen an Frankfurt haben werde, fiel mir Goethes, 
des Frankfurters, in aller Pädagogik erprobter Vers ein: „ist erst Ge— 
horsam im Gemüte, so wird nicht fern die Liebe sein.“
	        
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