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Das Jahr 1848-49

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

geblieben sind und noch keins in die Schule geschickt haben, sondern 
nur einige Privatstunden im Hause geben lassen. Marie arbeitet schon 
recht mit selbständigem Eifer, Karoline und Minna halten im Lernen 
Schritt, Friedrich ist Gott sei Dank ein ganz anderer Bursch als vor 
drei Jahren, derb, braun und wild; er liest und schreibt täglich seine 
kleine Aufgabe mit großer Leichtigkeit und spielt mit Klärchen, die 
neben anderen beinah sein bester Kamerad ist. Sie und die Kleinste, 
Emma, sind sehr liebe Kinderchen, die uns unbeschreibliche Freude 
machen, aber gottlob auch für Herz, Kopf und Hände mit den an— 
deren zusammen recht reichliche Beschäftigung geben. Adolf hat auch 
für die Kinder sehr wenig Muße, da er die liebe leidige Politik neben 
seinen anderen vielen Arbeiten pflegen muß. Ich sehe wohl ein, daß 
das nicht anders geht, und jetzt beinahe die erste Pflicht für die 
Männer ist, für das Vaterland das Rechte zu thun — und um es 
zu thun, muß man verstehen und lernen. Es treibt mich auch das 
Herz oft, selbst darin einzugehen, so weit mein schwacher Frauenver— 
stand die Dinge fassen kann. Aber ich fühle das im ganzen als eine 
recht schwere Zugabe zum Leben und möchte oft wünschen und bitten, 
der liebe Gott wolle selbst mit fühlbarerer Hand das Scepter im Reich 
führen und sein Machtwort reden, wo die Menschen sich nicht ver— 
ständigen können. Es geht uns Menschen wohl im ganzen wie den 
Preußen im vorigen Jahr: wir streben nach Freiheit und haben Frei— 
heit und sind zu unmündig und untüchtig, um sie richtig zu verstehen 
und zu gebrauchen. Es muß aber diese schwere Schule wohl eben 
eine notwendige sein, und wir dürfen doch hoffen, daß sie vielen zum 
Huten hilft, wenn auch manche nur Äürgernis daran nehmen. Ich 
zJlaube doch, wir haben noch warme, echte Patrioten, wenn auch ihre 
Politik noch nicht die weiseste ist, und um dieser willen wird der liebe 
Vott unser armes Vaterland in der Verwirrung und Verirrung nicht 
untergehen lassen wie Sodom und Gomorrha, sondern es mit seinem 
IAlmächtigen Arm einen neuen Weag vorwärts führen! 
Im September 1849 wollte Ferdinande eine Reise ins Vaterhaus 
unternehmen. „Ich kann so nicht mehr mit fort, wenn nicht Ruhe und 
frische Luft einmal wieder ihr gutes Werk an mir thun.“ Noch che sie 
abgereist war, traf sie die Todesnachricht des Vaters, und das Wieder— 
sehen der alten Heimat war nun ein schmerzliches. Nach kurzer Krank— 
heit war der Vaker Becker anm 4. September 74jährig in Offenbach ge— 
torben. Adolf Trenudelenburg schreibt 1863 über ihn an Karl Beckers 
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