Path:
Das Jahr 1848-49

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

*7 
Korrespondenten besetzt, den Forchhammer uns schickt, und den ich 
dann vorlese, da wir Frauen doch nun eben auch den Zeitungen nicht 
so ganz und gar mehr ausweichen können, wie wir es lange gethan. 
Die Dinge müssen einem ja gar zu sehr zu Herzen gehen. Die 
Morgenzeitungen dringen nicht zu uns durch, da uns unser Kinder— 
kreis den Tag über wie mit einer Mauer umgiebt — und Gott sei 
Dank, daß es so ist! Sie sind auch keine Mauer, sondern eine lieb— 
lich blühende Hecke, mit Schlüsselblumen, Veilchen und Maiblumen 
bekränzt; da verlangt einen gar nicht hinaus in das traurige, ängst— 
liche Gewirre der Welt — man möchte nur immer seine Blümchen 
pflegen und Gottes Schutz und Obhut anempfehlen. Aber man kann 
damit nicht so abschließen. Gewiß siehst Du jetzt auch zuerst nach 
Nachrichten aus unserm armen Rhein- und Mainland, wo es sich 
dunkel zusammenzieht. Theodor schrieb vor einigen Tagen traurig 
darüber und erbittert gegen Preußen, was ich wohl erwartet hatte 
und auch im Geist von Dir oft höre. Adolfs Meinung ist, daß die 
preußische Regierung sehr unpolitisch verfahren sei, indem sie die klei— 
neren Regierungen aus Not sich zur Verfassung bekennen ließ, anstatt 
zuerst frei dem entgegenzutreten, was man nicht ausführen konnte, 
und so die anderen mit herüberzuziehen. Die große Volksstimme ruft 
und rief freilich immer nur: annehmen! annehmen! nur erst Einheit, 
dann findet sich alles. So meinten es die Besten, und sie meinten 
es gewiß gut, aber wenige kennen die Frankfurter Verfassung genau 
und haben ihre Folgen erwogen. Adolf hat sich sehr gründlich damit 
beschäftigt und hat die feste Überzeugung gewonnen, daß die unbe— 
dingte Annahme nicht auf die Dauer zu Einheit und Ordnung hätte 
führen können, daß Preußen damit die letzten festen Stützen für sich 
und für das ganze Deutschland den Republikanern übergeben hätte. 
Die Verfassung ist nicht mehr das, was Gagern und alle die edleren 
Patrioten gewollt. Die Linke hat ihr Unkraut dazwischen gesät, und 
als die Besseren es nicht hindern konnten, haben sie es gehen lassen, 
hren Namen mit dazu gegeben, ja, ihr Wort darauf gegeben und 
sich die Hände gebunden, damit nur etwas erreicht werde nach der 
bielen Arbeit, damit nur die Sache erst in eine Hand käme. Soll 
und darf denn aber diese Hand die Zügel fassen, wenn sie sieht, daß 
sie nicht halten können? Adolf meint, der König habe so nicht au— 
iehmen können, aber in der Weise, wie er abgelehnt, hat mauches 
reilich weh gethan und war wohl woeder gut noch klug. Aber ich 
2
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.