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Brautstand und Hochzeit. Oktober 1835 bis April 1836

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

Das ist ein Vorzug, den ich in der Einsamkeit nicht dankbar genug 
anerkennen kann. 
Ich fragte mich, ob Du vielleicht in einem Stücke auch zu gut 
gegen mich seiest. Dein erster Brief fängt so märchenhaft an — der 
Geisterbesuch im Postwagen. Deine letzten stellen mehr Betrachtungen 
an, wie die meinigen. Wie ich Deine Gedanken in jeder Form und 
Deine Seele in jedem Gedanken lieb habe: das kann ich Dir nicht 
sagen, und in keinem Briefe möchte ich ein Pünktchen missen. Ich 
habe einmal mit Dir über Märchen gesprochen. Ich erinnere mich 
wohl, daß ich Dir sagte, an mir würdest Du keine Märchen erleben, 
meine Natur sei „ihnen fremd“. Du findest es in meinen Briefen 
gewiß bestätigt. Aber desto lieber habe ich diese märchenhaften Ge— 
danken in Dir; denn sie beleben ja das regelrecht Trockne in mir. 
Wenn Du darum wieder solche Gedanken hast, so verabschiede sie 
nicht, weil ich sie nicht zu erwidern weiß. Es ist ein liebliches Spiel 
in diesen Arabesken. Gieb mir alles, wie es gerade in Dir keimt. 
Und nun noch eins: Schreibe nicht bis nachts 1 Uhr. In diesem 
Worte und dieser Bitte liegt eine große Selbswwerleugnung. Denn 
was habe ich Lieberes als Deine nächtlichen Schriftzüge samt ihren 
taghellen Gedanken? Aber ich, der Stärkere, fühle jedesmal die Auf— 
regung oder Abspannung, an denen der nächste Tag leidet, wenn ich 
einmal bis in die Nacht arbeite. Wie habe ich Dich lieb, daß Du 
Deine Seele willst allezeit fröhlich sein und nicht darben lassen. Zu 
ihrer Nahrung gehören auch Schlaf und Traum. 
Du hast mich durch die Arbeit für meine liebe Mutter aufs 
schönste überrascht. Sie ist eine Frau nach Gottes Willen. So lebte 
sie in rastloser Liebe und Thätigkeit, so duldet sie jetzt mit gott— 
ergebenem Mute. Ihre einfache Weise und ihr wahrer Sinn wird 
uns Kinder alle wie ein schützender Geist durchs Leben aeleiten. 
Der Vater Becker an Adolf Trendelenburg. 
15. November 1835. 
Wie i Feimmel danke, der mir in dem innig geliebten 
Freunde cin —wiedergegeben hat das läßt sich nicht sagen. 
Noch immer Imerz nicht gehciit, und wenn mein Blick auf 
sein (Ferdinande, Dild fällt, möchte ich weinen. Aber wenn irgend 
etwas heilen kann, so ist es, daß ich nun einen solchen Sohn ge
	        
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