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„Ich suchte Aussicht, nichts weiter. Du habe ich mir einen
Birkenstnbbcn herbeigeschleppt, der sonst als Gartenstuhl zu dienen
pflegt, und bin heraufgcklettert. Aber der Stubben fiel meuchlings
um. Und nun stehe ich hier und kann nicht anders."
Haarhaus betrachtete sich das eigentümliche Bild naher.
Das war nun wirklich eine Art Monument, wenn auch kcins zu
Ehren des verstorbenen Trangott. Benedikte stand auf der ehemals
wahrscheinlich zugespitzten, jetzt flachen Höhe den Denksteins und
konnte sich nicht rücken und rühren. Sie hatte mit beiden Händen
die Kleider ein wenig an sich gezogen, unter denen die ländlich
derben Stiefelchen hervorschauten. Ihr hübsches dralles Figürchen
zeichnete sich in scharfen Umrissen ab. Ihr Gesicht lachte' die
weißen Zahnreihen glänzten.
„Sapperment, Fräulein Benedikte," sagte Haarhaus; „was
hätten Sie denn nur gemacht, wenn man Sic nicht geholt
hätte!?"
„Dann wäre ich nachtsüber in dieser Stellung erfroren . . .
Aber nein — ich wäre todesmutig hinnntergesprungen und würde
mir wahrscheinlich den Fuß verknart haben."
„Ist das vernünftig? Ist das einer Baronesse Tübingen
würdig?"
„Halten Sie, bitte, keine Reden, Doktor' Haarhaus, sondern
helfen Sic mir! Der linke Fuß schläft mir schon ein, und im
rechten fängt es auch an zu kribbeln."
„Ra, da warten Sie 'mal! Die Sache ist nicht so einfach.
So — jetzt steh' ich in Positur. Und nun bücken Sie sich ein
bißchen und springen Sie mir tapfer in die Arme. Ich fang' Sic
schon ans."
Benedikte holte erst tief Atem. Es war doch ungemütlich
und hatte auch etwas Peinliches.
„Hören Sie 'mal," sagte sie, „setzen Sie mir doch einfach den
Stubben wieder hin. Und dann drehen Tic sich herum — ich
werde versuchen, hinabzuklettern. Auch ans die Gefahr hin, mir
das Kleid zu zerreißen.",
„Das geht nicht, Baronesse. Der Stubben ist feucht; Tie
würden ansgleiten. Lsmprs coraggio — springen Sie los!"
Und Benedikte holte noch einmal lies Atem, inachtc die Augen
zu und sprang. Haarhans fing sie sehr geschickt auf und stand
fest dabei. Er hatte Kräfte. Aber er ließ sie auch nicht wieder
los. Bowle war immer verhängnisvoll für ihn.
„Sv," sagte er. „Run kommt die Strafe für Ihre Unvernunft.
Jetzt werde ich Sie nach Hanse tragen, damit Tie nicht noch einmal
davon laufen."
Sie erwiderte kein Wort. Sie hatte noch immer die Angen
geschlossen. Ein ganz neues Gefühl durchströmte sie: das des
Unbewußten. Ihre Seele schien Schwingen zu bekommen und
davon fliegen zu wollen — in unbekannte Weiten. Sie spürte
gar nicht, daß sic körperlich an der Brust eines Mannes ruhte;
etwas süß Auflösendes teilte sich ihr mit. Knospen sprangen in
ihrem Herzen und entfalteten sich zu Wunderblumen, und brausender
Frühlingszauber dnrchdrang sie . . .
Haarhans ging einige Schritte weit mit ihr über den Rasen.
Dann blieb er wieder stehen und sah ihr in das Gesicht, das ganz
weiß war im Mondenlicht, allein kirschrot der blühende Mund.
Sein Herz klopfte gewaltig. Was war mit ihm? . . . S holde,
holde Sommernacht! Wie die Nebelschleier über den grünen Wiesen
reißen und das Buschwerk mit zitternden Fäden umspinnen! Wie
es so leise rauscht im schweren Laub der Blutbuchen, und die
Silbereschen glitzernd ihre Zweige recken! Und wie überall, hinter
Strauch und Hecke und im Klee und im duftenden Thymian und
zwischen den wilden Rosen, die Amoretten kichern! . . .
Haarhaus neigte sich über Benedikte und küßte sie auf den
Mund.
Ein Schauer überflog sie. Sie schlug weit und entsetzt die
Augen aus. Das Wesenlose zerrann, und das Bewußtsein kehrte
wieder. Das Weib erwachte in ihr.
Sie stieß einen ganz leisen Schrei aus und glitt ans seinen
Armen.
„Dikte!" erscholl Trndes Stimme in der Rühe.
„Bene — bene — benedikte!" rief auch Graf Brada.
„Hier sind wir!" rief Haarhaus zurück. Es war wie rin
Schleier von seinem Hirn geflogen. Das Herz klopfte noch immer
stark, nur ängstlicher als vorhin. Ein Gefühl tiefer Scham quoll
in ihm auf. Er beherrschte sich mühsam und that harmlos und
heiter.
Auf der Brücke sah man Semper und Trude.
„Der Herr, der schickt den Jockel ans," rezitierte Brada.
„Ja, Herrschaften, das ging nicht so schnell," erklärte Haarhans.
„Fräulein Benedikte wollte Aussicht genießen, und die Aussicht war
zu hoch. Ich mußte der Gnädigsten erst vom Denkmal Dagoberts
herunterhelfen; hieß er nicht Dagobert?"
Benedikte lachte. Niemand merkte, wie krampfhaft dies Lachen
klang.
„Nein — Traugott," sagte sie; wie schlecht sind Sie in der
vaterländischen Geschichte beschlagen, Herr Doktor!"
Semper schaute ihr scharf und rasch in die Angen.
„Alles wartet auf Sie, Benedikte," — und wie ein leiser Borwurf
klang es aus seiner Stimme; „geben Sie mir Ihren Arm."
„So bitt' ich um den Ihren, Fräulein Palm" —> und
Haarhaus verneigte sich leicht vor Trude. Sie ließ es sich nicht
zweimal sagen. Das war ein Trinmphmarsch für sie, von hier
bis zum Schlosse, und eine Niederlage für Benedikte. Pah — was
war denn der grüne Leutnant gegen ihren berühmten Afrikaner! —
Unter den Kastanien empfing die Baronin ihr Töchterchen
scheltend.
„Dikte, es hat alles seine Grenzen. Warten wir morgen ab.
Beim ersten Riesen giebt's Stubenarrest und Fliederthee. Und
nun zu Bette!"....
Trude hatte wie immer noch lange zu erzählen, ehe sie das
Licht auslöschte und Gute Nacht sagte. Aber sie nahm heute keine
Mandelkleie und verschmähte auch die Papilloten. Benedikte schien
cs gar nicht zu bemerken. Sie war einsilbig und schützte große
Müdigkeit vor.
Aber sie log. Sie konnte nicht einschlafen. Ihr Gesicht glühte,
und ihre Pulse flogen. Wilde Schreie durchtobten ihr Herz. Und
ihre Lippen brannten noch von dem Männerkusse, in dem ihre
Kindheit erstorben war. . .
Um Mitternacht wachte Trude ans und hob den Kopf ein
wenig. Sic horchte. Dann richtete sie sich aus und beugte sich
sachte über Benedikte, deren Bett dicht neben dem ihren stand.
„Aber Dikte, Du weinst ja?!"
Benedikte fuhr mit blassem Gesicht jäh in die Höhe.
„Ich . . . ja! . . Ja, Trude, ich weine! . . Ich habe — ich
habe gräßliche Zahnschmerzen!"
Trude stieg ans dem Bett und kramte auf ihrem Toilettentisch
umher.
„Nimm ein bißchen Watte mit Ean de Colvgne und stecke Dir
das in den Zahn," sagte sie. „Warte, ich mache es Dir zurecht
Es ist doch ein hohler?"
„Nein, Trndchen — ich habe gar keinen hohlen."
„Ja, liebe Dikte, dann ist es Reißen. Du wirst Dich erkältet
haben. Weshalb läufst Du denn noch so spät auf die feuchte
Insel! Es ist ein wahres Glück, daß ich Provenceröl hier habe.
Ich werde Dir die Backe einreiben."
„Ach, Trndchen, es wird schon so vergehen. Es ist schon ein
bißchen besser."
„Das kommt wieder, Dikte. Reißen geht manchmal fort und
kommt immer wieder." . . Als Apothekerstöchterchen hatte sie stets
einen ganzen Medizinkasten zur Hand. Sie goß ein paar Tropfen
Provenceröl in einen zinnernen Löffel und hielt diesen über das
Licht. Dann setzte sie sich, den Lösfel in der Hand, auf das Bett
Benediktes.
„Die rechte oder die linke Backe, Dikte?"
„Ach, liebes Trndchen — Du bist zu gut — aber laß es doch
lieber. Ich weiß gar nicht, welche Backe. Es zieht immer so 'rum."
„Dann reib' ich beide ein. Und nun halt still, Dikte!" . . .
Es half nichts. Benedikte mußte es sich gefallen lassen, daß
Trude ihre Wangen mit dem warmen Ocl bearbeitete. Aber das
kühlte ihr Herz nicht ab; das Herz that ihr immer noch weh.
Nur sagte sie es nicht.
(Fortsetzung folgt.)