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Metadata : Ueber ein halbes Jahrhundert / Schasler, Max (Public Domain)

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„Ich  suchte  Aussicht,  nichts  weiter.  Du  habe  ich  mir  einen
Birkenstnbbcn  herbeigeschleppt,  der  sonst  als  Gartenstuhl  zu  dienen
pflegt,  und  bin  heraufgcklettert.  Aber  der  Stubben  fiel  meuchlings
um.  Und  nun  stehe  ich  hier  und  kann  nicht  anders."
Haarhaus  betrachtete  sich  das  eigentümliche  Bild  naher.
Das  war  nun  wirklich  eine  Art  Monument,  wenn  auch  kcins  zu
Ehren  des  verstorbenen  Trangott.  Benedikte  stand  auf  der  ehemals
wahrscheinlich  zugespitzten,  jetzt  flachen  Höhe  den  Denksteins  und
konnte  sich  nicht  rücken  und  rühren.  Sie  hatte  mit  beiden  Händen
die  Kleider  ein  wenig  an  sich  gezogen,  unter  denen  die  ländlich
derben  Stiefelchen  hervorschauten.  Ihr  hübsches  dralles  Figürchen
zeichnete  sich  in  scharfen  Umrissen  ab.  Ihr  Gesicht  lachte'  die
weißen  Zahnreihen  glänzten.
„Sapperment,  Fräulein  Benedikte,"  sagte  Haarhaus;  „was
hätten  Sie  denn  nur  gemacht,  wenn  man  Sic  nicht  geholt
hätte!?"
„Dann  wäre  ich  nachtsüber  in  dieser  Stellung  erfroren  .  .  .
Aber  nein  —  ich  wäre  todesmutig  hinnntergesprungen  und  würde
mir  wahrscheinlich  den  Fuß  verknart  haben."
„Ist  das  vernünftig?  Ist  das  einer  Baronesse  Tübingen
würdig?"
„Halten  Sie,  bitte,  keine  Reden,  Doktor'  Haarhaus,  sondern
helfen  Sic  mir!  Der  linke  Fuß  schläft  mir  schon  ein,  und  im
rechten  fängt  es  auch  an  zu  kribbeln."
„Ra,  da  warten  Sie  'mal!  Die  Sache  ist  nicht  so  einfach.
So  —  jetzt  steh'  ich  in  Positur.  Und  nun  bücken  Sie  sich  ein
bißchen  und  springen  Sie  mir  tapfer  in  die  Arme.  Ich  fang'  Sic
schon  ans."
Benedikte  holte  erst  tief  Atem.  Es  war  doch  ungemütlich
und  hatte  auch  etwas  Peinliches.
„Hören  Sie  'mal,"  sagte  sie,  „setzen  Sie  mir  doch  einfach  den
Stubben  wieder  hin.  Und  dann  drehen  Tic  sich  herum  —  ich
werde  versuchen,  hinabzuklettern.  Auch  ans  die  Gefahr  hin,  mir
das  Kleid  zu  zerreißen.",
„Das  geht  nicht,  Baronesse.  Der  Stubben  ist  feucht;  Tie
würden  ansgleiten.  Lsmprs  coraggio  —  springen  Sie  los!"
Und  Benedikte  holte  noch  einmal  lies  Atem,  inachtc  die  Augen
zu  und  sprang.  Haarhans  fing  sie  sehr  geschickt  auf  und  stand
fest  dabei.  Er  hatte  Kräfte.  Aber  er  ließ  sie  auch  nicht  wieder
los.  Bowle  war  immer  verhängnisvoll  für  ihn.
„Sv,"  sagte  er.  „Run  kommt  die  Strafe  für  Ihre  Unvernunft.
Jetzt  werde  ich  Sie  nach  Hanse  tragen,  damit  Tie  nicht  noch  einmal ­
  davon  laufen."
Sie  erwiderte  kein  Wort.  Sie  hatte  noch  immer  die  Angen
geschlossen.  Ein  ganz  neues  Gefühl  durchströmte  sie:  das  des
Unbewußten.  Ihre  Seele  schien  Schwingen  zu  bekommen  und
davon  fliegen  zu  wollen  —  in  unbekannte  Weiten.  Sie  spürte
gar  nicht,  daß  sic  körperlich  an  der  Brust  eines  Mannes  ruhte;
etwas  süß  Auflösendes  teilte  sich  ihr  mit.  Knospen  sprangen  in
ihrem  Herzen  und  entfalteten  sich  zu  Wunderblumen,  und  brausender ­
  Frühlingszauber  dnrchdrang  sie  .  .  .
Haarhans  ging  einige  Schritte  weit  mit  ihr  über  den  Rasen.
Dann  blieb  er  wieder  stehen  und  sah  ihr  in  das  Gesicht,  das  ganz
weiß  war  im  Mondenlicht,  allein  kirschrot  der  blühende  Mund.
Sein  Herz  klopfte  gewaltig.  Was  war  mit  ihm?  .  .  .  S  holde,
holde  Sommernacht!  Wie  die  Nebelschleier  über  den  grünen  Wiesen
reißen  und  das  Buschwerk  mit  zitternden  Fäden  umspinnen!  Wie
es  so  leise  rauscht  im  schweren  Laub  der  Blutbuchen,  und  die
Silbereschen  glitzernd  ihre  Zweige  recken!  Und  wie  überall,  hinter
Strauch  und  Hecke  und  im  Klee  und  im  duftenden  Thymian  und
zwischen  den  wilden  Rosen,  die  Amoretten  kichern!  .  .  .
Haarhaus  neigte  sich  über  Benedikte  und  küßte  sie  auf  den
Mund.
Ein  Schauer  überflog  sie.  Sie  schlug  weit  und  entsetzt  die
Augen  aus.  Das  Wesenlose  zerrann,  und  das  Bewußtsein  kehrte
wieder.  Das  Weib  erwachte  in  ihr.
Sie  stieß  einen  ganz  leisen  Schrei  aus  und  glitt  ans  seinen
Armen.
„Dikte!"  erscholl  Trndes  Stimme  in  der  Rühe.
„Bene  —  bene  —  benedikte!"  rief  auch  Graf  Brada.

„Hier  sind  wir!"  rief  Haarhaus  zurück.  Es  war  wie  rin
Schleier  von  seinem  Hirn  geflogen.  Das  Herz  klopfte  noch  immer
stark,  nur  ängstlicher  als  vorhin.  Ein  Gefühl  tiefer  Scham  quoll
in  ihm  auf.  Er  beherrschte  sich  mühsam  und  that  harmlos  und
heiter.
Auf  der  Brücke  sah  man  Semper  und  Trude.
„Der  Herr,  der  schickt  den  Jockel  ans,"  rezitierte  Brada.
„Ja,  Herrschaften,  das  ging  nicht  so  schnell,"  erklärte  Haarhans.
„Fräulein  Benedikte  wollte  Aussicht  genießen,  und  die  Aussicht  war
zu  hoch.  Ich  mußte  der  Gnädigsten  erst  vom  Denkmal  Dagoberts
herunterhelfen;  hieß  er  nicht  Dagobert?"
Benedikte  lachte.  Niemand  merkte,  wie  krampfhaft  dies  Lachen
klang.
„Nein  —  Traugott,"  sagte  sie;  wie  schlecht  sind  Sie  in  der
vaterländischen  Geschichte  beschlagen,  Herr  Doktor!"
Semper  schaute  ihr  scharf  und  rasch  in  die  Angen.
„Alles  wartet  auf  Sie,  Benedikte,"  —  und  wie  ein  leiser  Borwurf
  klang  es  aus  seiner  Stimme;  „geben  Sie  mir  Ihren  Arm."
„So  bitt'  ich  um  den  Ihren,  Fräulein  Palm"  —>  und
Haarhaus  verneigte  sich  leicht  vor  Trude.  Sie  ließ  es  sich  nicht
zweimal  sagen.  Das  war  ein  Trinmphmarsch  für  sie,  von  hier
bis  zum  Schlosse,  und  eine  Niederlage  für  Benedikte.  Pah  —  was
war  denn  der  grüne  Leutnant  gegen  ihren  berühmten  Afrikaner!  —
Unter  den  Kastanien  empfing  die  Baronin  ihr  Töchterchen
scheltend.
„Dikte,  es  hat  alles  seine  Grenzen.  Warten  wir  morgen  ab.
Beim  ersten  Riesen  giebt's  Stubenarrest  und  Fliederthee.  Und
nun  zu  Bette!"....
Trude  hatte  wie  immer  noch  lange  zu  erzählen,  ehe  sie  das
Licht  auslöschte  und  Gute  Nacht  sagte.  Aber  sie  nahm  heute  keine
Mandelkleie  und  verschmähte  auch  die  Papilloten.  Benedikte  schien
cs  gar  nicht  zu  bemerken.  Sie  war  einsilbig  und  schützte  große
Müdigkeit  vor.
Aber  sie  log.  Sie  konnte  nicht  einschlafen.  Ihr  Gesicht  glühte,
und  ihre  Pulse  flogen.  Wilde  Schreie  durchtobten  ihr  Herz.  Und
ihre  Lippen  brannten  noch  von  dem  Männerkusse,  in  dem  ihre
Kindheit  erstorben  war.  .  .
Um  Mitternacht  wachte  Trude  ans  und  hob  den  Kopf  ein
wenig.  Sic  horchte.  Dann  richtete  sie  sich  aus  und  beugte  sich
sachte  über  Benedikte,  deren  Bett  dicht  neben  dem  ihren  stand.
„Aber  Dikte,  Du  weinst  ja?!"
Benedikte  fuhr  mit  blassem  Gesicht  jäh  in  die  Höhe.
„Ich  .  .  .  ja!  .  .  Ja,  Trude,  ich  weine!  .  .  Ich  habe  —  ich
habe  gräßliche  Zahnschmerzen!"
Trude  stieg  ans  dem  Bett  und  kramte  auf  ihrem  Toilettentisch
umher.
„Nimm  ein  bißchen  Watte  mit  Ean  de  Colvgne  und  stecke  Dir
das  in  den  Zahn,"  sagte  sie.  „Warte,  ich  mache  es  Dir  zurecht
Es  ist  doch  ein  hohler?"
„Nein,  Trndchen  —  ich  habe  gar  keinen  hohlen."
„Ja,  liebe  Dikte,  dann  ist  es  Reißen.  Du  wirst  Dich  erkältet
haben.  Weshalb  läufst  Du  denn  noch  so  spät  auf  die  feuchte
Insel!  Es  ist  ein  wahres  Glück,  daß  ich  Provenceröl  hier  habe.
Ich  werde  Dir  die  Backe  einreiben."
„Ach,  Trndchen,  es  wird  schon  so  vergehen.  Es  ist  schon  ein
bißchen  besser."
„Das  kommt  wieder,  Dikte.  Reißen  geht  manchmal  fort  und
kommt  immer  wieder."  .  .  Als  Apothekerstöchterchen  hatte  sie  stets
einen  ganzen  Medizinkasten  zur  Hand.  Sie  goß  ein  paar  Tropfen
Provenceröl  in  einen  zinnernen  Löffel  und  hielt  diesen  über  das
Licht.  Dann  setzte  sie  sich,  den  Lösfel  in  der  Hand,  auf  das  Bett
Benediktes.
„Die  rechte  oder  die  linke  Backe,  Dikte?"
„Ach,  liebes  Trndchen  —  Du  bist  zu  gut  —  aber  laß  es  doch
lieber.  Ich  weiß  gar  nicht,  welche  Backe.  Es  zieht  immer  so  'rum."
„Dann  reib'  ich  beide  ein.  Und  nun  halt  still,  Dikte!"  .  .  .
Es  half  nichts.  Benedikte  mußte  es  sich  gefallen  lassen,  daß
Trude  ihre  Wangen  mit  dem  warmen  Ocl  bearbeitete.  Aber  das
kühlte  ihr  Herz  nicht  ab;  das  Herz  that  ihr  immer  noch  weh.
Nur  sagte  sie  es  nicht.

(Fortsetzung  folgt.)
            
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