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Erinnerungen vom Juni 1890, Harzburg

Full text: Lebenserinnerungen / Siemens, Werner von (Public Domain)

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Zweite Tour in den großen Kaukasus. 
nicht angenehmer ruhen konute. Dann wurde schnell das Mahl 
bereitet, welches wir liegend verzehrten. Nach demselben lagerten 
sich die Fürsten und ihre Begleiter uns gegenüber und begannen 
ein landesübliches Zechgelage mit einer Art Glühwein aus edlem 
Kachetiner, wobei ein Jeder der Fürsten mich und meinen Bruder 
Otto mit einigen, wahrscheinlich sehr schmeichelhaften Worten hochleben 
ließ, in der Erwartung, daß auch wir unsere Hörner daraufhin 
leeren würden. Die Fürsten sprachen nur grusinisch, ein Dolmet— 
scher übersetzte uns ins Russische, was sie sagten. Unsere deutschen 
Antworten verstand Keiner der Anwesenden, ein Umstand, von 
dem mein übermüthiger Bruder Otto einen etwas gefährlichen 
Gebrauch machte, indem er die Antwortreden, die ich ihm über— 
ließ, zwar mit äußerst verbindlichen Manieren in Stimme, Ton 
und Bewegungen, aber mit einem die Scene arg parodirenden 
Inhalte erwiederte, der uns sicher Dolchstöße eingetragen hätte, 
wenn seine Worte verstanden wären, und wir uns nicht bemüht 
hätten, ihnen durch ernstes, hochachtungsvolles Mienenspiel einen 
guten Schein zu geben. 
Als wir am folgenden Morgen unser Räuschchen in der er— 
quickenden frischen Luft des Hochgebirges zwischen den rauschenden 
Bächen ohne irgend welchen unangen-“wn Nachklang glücklich 
nerschlafen hatten, besichtigten wir den Erzgang der zwar reich 
aber noch nicht aufgeschlossen war und durch seinen beschwerlichen 
Zugang einer Ausbeutung unüberwindliche Hindernisse bot. Nach— 
dem wir zu dieser Erkenntniß gekommen waren, wurde alsbald der 
Rückweg angetreten. Mit sinkender Sonne langten wir wieder bei 
dem Pfahlbaupalaste an und brachten noch eine Nacht unter seinem 
gastlichen Dache zu. Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns 
von unsern Fürsten und ritten durch das Thal von Kachetien zurück 
in der Absicht quer durch die Steppe direct nach Kedabeg zu reisen. 
Da Räuber in der Gegend hausten, gab uns der Distriktschef eine 
Sicherheitswache aus Leuten mit, die des Räuberhandwerks selbst 
oerdächtig waren. Unter ihren gastlichen Schutz gestellt, reisten 
wir nach Landesbrauch vollkommen sicher. 
Schwierigkeiten bereitete uns auf dem Wege der Uebergang
	        
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