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Erinnerungen vom Juni 1890, Harzburg

Full text: Lebenserinnerungen / Siemens, Werner von (Public Domain)

Aufgang der Venus. Annenfeld. 
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ohne sie zu treffen. Wie sich bald herausstellte, war es kein Räuber, 
sondern ein Armenier, der sich von Räubern verfolgt wähnte und 
Schutz suchend auf uns losgejagt war. Die Armenier gelten im 
Kaukasus allgemein für sehr schlaue und gewandte Geschäftsleute, 
die wenig Muth haben und es vielleicht aus diesem Grunde lieben, 
sich auf Reisen möglichst kriegerisch auszustatten. Wie es schien, 
bestand die Räuberbande, die unsern Armenier erschreckt hatte, nur 
in seiner Einbildung. Seine Unvorsichtigkeit hätte ihm aber leicht 
übel bekommen können, und das wäre ganz seine eigene Schuld 
gewesen, da es nach Landesbrauch eine gebotene Vorsichtsregel 
ist, Reisenden, denen man begegnet, niemals in schneller Gangart 
zu nahen. 
Kurz nach diesem aufregenden Vorfalle wurden wir durch eine 
merkwürdige Naturerscheinung erfreut. Es tauchte plötzlich am 
Horizonte der unbegrenzten Steppe gerade vor uns eine glänzende 
Lichterscheinung auf; sie strahlte in prachtvollem, vielfarbigem Lichte, 
unterschied sich von einem Meteor aber dadurch, daß sie unbeweg— 
lich an derselben Stelle des Himmels verharrte. Wir zerbrachen 
uns den Kopf über die Ursache der Erscheinung, die wir nur der 
einer Fallschirmrakete mit Buntfeuer vergleichen konnten. Sie 
wurde aber bald schwächer und schrumpfte nach kurzer Zeit zur 
Größe eines hellen Sternes zusammen. Es war die aufgehende 
Venus, welche durch die Steppennebel und das Dunkel, in das 
die Erde in jenen südlichen Gegenden selbst kurz vor Sonnenauf—⸗ 
gang noch gehüllt ist, so merkwürdig vergrößert und gefärbt erschien. 
Wir übernachteten in der schwäbischen Kolonie Annenfeld, die 
am Fuße eines steilen Bergabhanges, der zum Bergwerk Kedabeg 
hinaufführt, nahe dem Kur in sehr fruchtbarer, aber nicht gesunder 
Gegend liegt oder vielmehr lag, denn die Kolonie hat später den 
Ort verlassen und sich etwa fünfhundert Fuß höher am Abhange 
des Gebirges ein neues Dorf erbaut. Es giebt im Kaukasus eine 
ganze Anzahl solcher schwäbischen Kolonien, ich glaube sechs oder 
sieben; auch Tiflis gehört dazu. Sie verdanken ihren Ursprung 
streng gläubigen Lutheranern aus Schwaben, die in den ersten 
Jahrzehnten unseres Jahrhunderts in verschiedenen Zügen ihr
	        
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