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Der erste vereinigte Landtag in Preußen

Full text: Erinnerungen aus dem Leben von Hans Viktor von Unruh / Poschinger, Heinrich von (Public Domain)

Der erste vereinigte Landtag in Preußen. 
Der erste vereinigte Landtag im Jahre 1847 fiel in die Zeit meines 
Aufenthalts j Magdebuirg und interessirte mich in hohem Grade. Die ganze 
gebildete Bepf!—run nahm regen Anteil, die große Mehrzahl im liberalen 
Sinne. Zu den Ausnahmen gehörte ein Teil der adeligen Gutsbesitzer und 
eine kleine Anzahl unter den höheren Beamten. Der hauptsächlich durch die 
ostpreußischen Abgeordneten herbeigeführte Beschluß, die zum Bau der Ostbahn 
von Berlin nach Königsberg geforderte Anleihe abzulehnen, obgleich die Bahn 
sehr im Interesse der Ostprovinzen lag, fand enthusiastischen Beifall. Man 
stimmte allgemein mit der Motivirung überein, nach welcher der Landtag sich 
nicht für kompetent zur Bewilligung von Anleihen erklärte, welche nach der 
Verordnung vom Mai 1815 und dem Finanzgesetz von 1818 nur den dort 
verheißenen Reichsständen zustände, deren Stelle der Landtag nicht vertreten 
könne. In der That hat sich die damalige Majorität, die Ostpreußen an der 
Spitze, durch jenen Beschluß ein dauerndes Denkmal in der preußischen Ge— 
schichte gesetzt. Die seit 1840 gehegten Hoffnungen, namentlich in Betreff der 
Verleihung einer Verfassung, waren so oft getäuscht worden, daß, wenigstens 
bei mir, große Erwartungen von den Erfolgen des Landtags nicht aufkommen 
konnten. Nur von einer damals getroffenen Einrichtung versprach ich mir eine 
erhebliche Wirkung. Ich meine die Anordnung, nach welcher die Verhandlungen 
des Landtags stenographirt wurden und im Druck erschienen. Die Berichte 
wurden vom Publikum heißhungrig verschlungen und lebhaft diskutirt. Man 
war verwundert, daß wir begabte Redner besaßen, welche die Bedürfnisse des 
Staates und seiner intelligenten Bevölkerung erkannten und im klaren Interesse 
des Landes und seiner Dynastie Befriedigung verlangten. Das lebendige 
Wort zündete und sein Eindruck konnte nicht mehr verloren gehen. Gewiß 
haben die damaligen Machthaber keine Ahnung von der Wirkung dieser an— 
scheinend nicht bedenklichen Maßregel gehabt. Bei aller Gewandtheit des 
leitenden Ministers von Bodelschwingh waren seine Gründe und Auseinander— 
seßungen nur schwach gegen die durchschlagenden und durchaus loyalen Reden
	        
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