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Neuere Vorgänge

Full text: Erinnerungen aus dem Leben von Hans Viktor von Unruh / Poschinger, Heinrich von (Public Domain)

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Majorität*) verworfen. Indem die Regierung später einen total umgearbeiteten 
Gesetzentwurf vorlegte heat sie setbit die Unzweckmäßigkeit des ersten Entwurfs 
anerkannt. 
— de R ihP98. 
Bald nach Schluß des Reichstags wurde ein noch scheußlicheres Attentat 
auf den Kaiser verübt und der Kaiser verwundet. Es unterliegt keinem Zweifel, 
daß es nur der sofortigen Wiedereinberufung des Reichstags bedurft hätte, um 
ein solches Gesetz, wie das später vorgelegte, in kürzester Zeit zur Annahme 
zu bringen. Dem Reichskanzler konnte dies nicht unbekannt sein, wenigstens 
wäre es ihm leicht gewesen, sich zuverlässige Auskunft zu verschaffen; er zog 
es aber vor, den Reichstag mit Zustimmung des Bundesrats aufzulösen.**) 
Natürlich knüpften sich daran Vermutungen, daß der Reichskanzler noch andere 
Gründe und Zwecke habe, einen neuen Reichstag wählen zu lassen, als ein 
Gesetz gegen die Sozialdemokraten durchzusetzen. Man erzählt sich allerlei 
pikante Aeußerungen des Fürsten, so unter anderen, er habe gesagt, er wolle 
die Nationalliberalen „an die Wand drücken“.***) Zugleich hörte man, daß 
der Reichskanzler die bisherige Zoll- und Handelspolitik total umzugestalten 
beabsichtige.!“ Os diese Gerüchte völlig auf Wahrheit beruhten, kann ich nicht 
) Vergl. die stenographischen Berichte über die Sizung vom 24. Mai 1878. — Sehr 
entsjchieden hat H. V. von Unruh Stellung gegen die Sozialdemokratie genommen in der anonym 
herausgegebenen Schrift: „Die Sozialdemokraten, was sie den Wählern versprechen und 
was sie wollen.“ Berlin. Verlag von Julius Springer, 1876, 56 S. von Unruh bespricht 
hier die Versprechungen der Sozialdemokraten, ihre Mittel zur Erreichung des Zweckes, den 
Kommunismus der Sozialdemokraten, die Ehe und die militärische Organisation im sozial— 
demokratischen Staat. Beschreibung des sozialdemokratischen Zukunftsstaats. Ein Schlußwort 
an die Wähler schließt: „Die Drohungen der Sozialdemokraten und ihre aller Sittlichkeit 
Hohn sprechenden Lehren führen zur Beschränkung der Freiheit und verschlechtern die Lage 
der Arbeiter.“ 
) Dieser Entschluß entstand bei Bismarck blitzartig. Als der Chef der Reichskanzlei 
Geheimerat von Tiedemann in Friedrichsruh dem Kanzler nach der Rückkehr von einer 
Ausfahrt die Nachricht von dem Nobilingschen Attentate mitteilte, blieb er stehen, schlug den 
Spazierstock in die Erde und sagte: „Jetzt wird der Reichstag aufgelöst.“ 
***) Der „Grenzboten“-Artikel „Unruh über Bismarck“ stellt in Abrede, daß der Kanzler 
gesagt habe, er wolle „die Nationalliberalen an die Wand drücken“; der Ausdruck „an die 
Wand drücken“ ist aber von ihm nicht nur in dieser Beziehung nicht gebraucht worden, son— 
dern überhaupt niemals, er steht gar nicht in seinem Wörterbuche. Jedermann weiß, ob 
diese Redeweise in seine Art, sich zu äußern, gehört, und wir hören von sicherster Seite, daß 
der Fürst sich dieser Phrase nie bedient hat. 
) Der „Grenzboten⸗“ Artikel „Unruh über Bismarck“ behnuptet, es sei unmöglich, daß 
man „zugleich gehört haben soll, daß Bismarck die bisherige Zoll- und Handelspolitik total 
umzugestalten beabsichtige“. „An letzteres dachte er erst im November.“ Diese Kontroverse 
muß zu Gunsten Unruhs entschieden werden. Aus den von mir veröifentlichten „Aktenstücken 
zur Wirtschaftspolitik des Fürsten Bismarck“ geht (vergl. Bd. I, S. 203) hervor, daß Bismarck 
bereits schun im Jahre 1875 den Plan einer Umkehr in unserer Wirtichaftspolitik gefaßt hatte.
	        
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