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Bismarcks Verdienst um die Gründung des Reichs

Full text: Erinnerungen aus dem Leben von Hans Viktor von Unruh / Poschinger, Heinrich von (Public Domain)

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In Kleinstaaten vermindern sich die Bedenken und Gesahren im Verhältnis 
ihrer Kleinheit.“) Die Anzahl der Eisenbahnbeamten ist dann gering und die 
Möglichkeit der Begünstigung oder Zurücksetzung einzelner Orte sehr beschränkt, 
wogegen im Großstaat das Beamtencorps um viele Tausende vermehrt wird, 
und die Gefahr entsteht, daß — namentlich in politisch bewegter Zeit — oppo— 
sitionell gesinnte Städte oder Gegenden gegen andere zurückgesetzt oder gewisse 
Klassen von Transportinteressenten bevorzugt werden. Wenn man weiß, welche 
Mittel die Regierung in den Reaktionszeiten 1349—–1858 und 1863-1866 
angewendet hat, so erscheint ein solches Mißtrauen in die außerordentliche 
Vermehrung der Macht eines Ministers durchaus begründet und konstitutionell 
gerechtfertigt.**) Ferner bin ich der Meinung, daß in einem sehr großen 
Staat eine einheitliche Verwaltung sämtlicher Eisenbahnen vom Zentrum aus 
unmöglich ist und eine ganze Anzahl lokaler Verwaltungen mit großen Befug— 
nissen nicht zu entbehren sind.**e) 
Ich halte dafür, daß die Beseitigung der jetzt bei den Eisenbahnen ob— 
waltenden Uebelstände und die Herbeiführung der zulassigen Vorteile, die man 
sich von Reichsbahnen verspricht, ebenso gut durch ein zweckmäßiges Eisenbahn— 
gesetz als durch den Ankauf sämtlicher Eisenbahnen zu erreichen sind. 
Weniger läßt sich dagegen einwenden, wenn ein nicht sehr großer Staat 
den Bau der Eisenbahnen in die Hand genommen und durchgeführt hat. In 
diesem Falle kompensirte sich die schlechte Rente einzelner Linien mit dem hohen 
Ertrage der Hauptverkehrsadern. Sollen aber die fertigen, gut rentirenden 
Bahnen zu hohen Preisen angekauft und auch die schlechten Linien verhältnis— 
mäßig hoch bezahlt werden, so liegen die finanziellen Nachteile für den Staat 
auf der flachen Hand. Mein Hauptbedenken ist gegen die kolossale Schulden— 
masse gerichtet, in welche das Reich sich stürzen müßte, um die sämtlichen 
deutschen Eisenbahnen mit Ausnahme einzelner unbedeutenden Zweigbahnen an— 
zukaufen. Nach sehr mäßiger Schätzung würde dazu ein Kapital von acht 
Milliarden Mark gehören, also der doppelte Betrag der französischen Kriegs— 
kontribution. Käme nur ein Teil der Eisenbahnen in die Hände des Reichs. 
so würde offenbar der beabsichtigte Zwecé nicht erreicht. 
Eine so große Staatsschuld müßte notwendig höchst nachteilig auf den 
Kredit des Reichs wirken und ihm die Aufnahme von Anleihen in Kriegsfällen 
außerordentlich erschweren, ganz abgesehen davon, daß Ausfälle in den Eisenbahn— 
einnahmen, wie dieselben ja nicht selten vorkommen, große Zuschüsse aus den 
*) In Bayern ist das Staatsbahnsystem in sehr glücklicher Weise durchgeführt und mit 
dem besten Erfolge, ebenso in anderen deutschen Mittel- und Kleinstaaten. 
**x) Diese Zeilen begreifen sich aus dem Munde Unruhs, welcher in der Zeit der Reaktion 
allerdings die schlimmsten Erfahrungen durchgemacht hat. 
***) Nach der musterhaften preußischen Organisation ist die Verwaltung dezentralisirt 
und nur die aberste Aufsicht und Leitung in der ministeriellen Hand.
	        
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