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Meine Knabenzeit

Full text: Erinnerungen aus dem Leben von Hans Viktor von Unruh / Poschinger, Heinrich von (Public Domain)

namentlich in Geschichte, den Anfangsgründen der Naturwissenschaften, in der 
Literaturgeschichte und der Kenntnis der Literatur ein sehr guter. 
Geprügelt wurde nur von einem Lehrer und nur in den untersten Klassen. 
Daß heut noch, nach mehr als einem halben Jahrhundert, nicht nur in den 
Vorbereitungsschulen, sondern auf den unteren Klassen mancher Gymnasien 
ganz gründlich geprügelt wird, sogar in Berlin, klingt unglaublich und ist 
dennoch wahr. Ich habe mich genau davon unterrichtet und auch mit einem 
jetzt bereits verstorbenen, sonst sehr ausgezeichneten Gymnasialdirektor darüber 
gesprochen, ohne Erfolg. Ich meine, daß ein Gymnasiallehrer, der das Prügeln 
nicht entbehren kann, kein pädagogisches Talent besitzt, und daß es nicht schwer 
ist, dem Unfug ein Ende zu machen. 
Ueberürdnng 
*5r. 
Noch will ich in dankbarer Erinnerung an meine alte Schule erwähnen, 
daß auf derselben zwar auch häuslicher Fleiß gefordert wurde, aber doch nur 
als Ergänzung des Unterrichts in der Klasse. Der Direktor war ein ent— 
schiedener Feind der Ueberbürdung der Knaben, welche so oft den Körper und 
Geist erschlafft und so häufig die Gesundheit untergräbt. Das Uebel wurde 
durch die Klassenbücher verhütet, in welche jeder Lehrer die häuslichen Aufgaben 
eintragen mußte; daraus konnte dann jeder folgende Lehrer genau ersehen, 
was und zu wann seine Vorgänger aufgegeben hatten, und dem Direktor war 
die Möglichkeit einer scharfen Kontrolle und der Abhilfe gebdten. Wenn wir 
Pensionäre bei dem Direktor nach dem Abendbrot noch Schularbeiten zu 
machen hatten oder den Spaziergang wegen dringender Arbeiten ablehnten, so 
erfolgte sicher eine Durchsicht der Klassenbücher und Abhilfe. 
Es sei erlaubt, hier schon die ganze Erfahrung meines Lebens in Betreff 
mancher Uebelstände unseres Schulwesens einzuschalten. 
Bekanntlich ist schon in den dreißiger Jahren durch eine Broschüre des 
damaligen Regierungs- und Medizinalrats in Oppeln (wenn ich nicht irre 
Lorinser) über die Schädigung der gebildeten Jugend durch Ueberbürdung auf 
den Gymnasien ein langer Streit in Zeitungen und Zeitschriften angeregt 
worden. Manche hielten die Angaben des Arztes für Uebertreibungen, andere 
traten ihm durchaus bei und sahen Gefahr im Verzuge. Schließlich ergingen 
Ministerialreskripte, welche dem nicht zu leugnenden Uebel abhelfen sollten. Es 
ist ein eigenes Ding mit solchen Refkripten, sie machen die Sache in den Akten 
tot, ändern aber in Wirklichkeit nichts, wenn die Befolgung der erteilten Vor— 
schriften nicht mit Strenge und Konsequenz durchgesetzt wird. 
Das Uebel hat nicht ab-, sondern zugenommen. Ueberall hört man 
Klagen der Eltern. Ich selbst habe gesehen, daß ein zwölfjähriger Enkel von 
mir, der von selbst fleißig und nicht langsam arbeitet, schon auf Quarta nach
	        
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