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Die Konfliktszeit in Preußen

Full text: Erinnerungen aus dem Leben von Hans Viktor von Unruh / Poschinger, Heinrich von (Public Domain)

In der schleswig-holsteinschen Sache wendete Bismarck zum erstenmal eine 
Taktit an, die augenscheinlich sehr gefährlich, aber ihm bisher geglückt ist und 
darin besteht, daß er dem Gegner Anerbietungen macht, die für diesen augen— 
scheinlich sehr vorteilhaft sind, von denen aber Bismarck voraussetzt, daß sie 
dennoch nicht angenommen werden, aber seinen guten Willen in helles Licht 
setzen und ihm die Erreichung seines Zieles erleichtern. 
Es war bekannt, daß der König dem Herzog Friedrich wohl wollte. Auf 
der Londoner Konferenz war erklärt worden, daß der Herzog keineswegs der 
alleinberechtigte Erbe, aber der erstberechtigte sei. Jetzt stellte Bis— 
marck dem Herzog die sogenannten Februarbedingungen, in welchen für Preußen 
im wesentlichen dieselben Konzessionen verlangt wurden, welche der Frankfurter 
Verfassungsentwurf den kleineren Staaten gegenüber der Zentralgewalt auf— 
erlegte; nur in Bezug auf die Benutzung der Häfen wurde etwas mehr ver— 
langt.*) 
Als ich diese Bedingungen, unter denen das Erbrecht des Herzogs an— 
erkannt werden sollte, in der Zeitung las, bekam ich einen förmlichen Schreck, 
weil ich bestimmt annahm, der Herzog werde ohne Besinnen sofort pure 
acceptiren. Es konnte nichts Vorteilhafteres für ihn geben. Aber Bismarck 
hatte richtiger gerechnet. Der Herzog lavirte nach wie vor zwischen Oesterreich 
und Preußen und gab eine ausweichende Antwort, die Bismarck später im 
Abgeordnetenhause verlas. Nun konnte selbst beim Könige kein Zweifel mehr 
darüber obwalten, daß der Herzog, wenn er zur Regierung käme, keineswegs 
ein zuverlässiger Bundesgenosse Preußens sein, sondern fortfahren werde, sich 
auf Oesterreich zu stützen, für Preußen also neue Schwierigkeiten zu bereiten. 
Etwas später traf ich in Kiel zufällig den damaligen Kabinetsrat des 
Herzogs von Coburg, Tempeltey, der, wie es schien, den Herzog bei dem 
Prinzen Friedrich vertrat. Ich sprach meine Verwunderung über das Ver— 
halten des letzteren aus und meinte: Der Prinz hätte sich gleich nach dem 
Tode des Königs von Dänemark in die Arme Preußens werfen und bei Aus— 
bruch des Krieges in die preußische Armee eintreten müssen, statt zwischen 
Preußen und Oesterreich hin und her zu schwanken, aus den für ihn ge— 
sammelten Geldern Uniformen und Waffen anzuschaffen und dieselben dann 
derstecken zu lassen. Die Geheimeräte Franke und Samwer schienen ihn doch 
nicht gut beraten zu haben. Tempeltey trat mir bei, versicherte aber, daß 
Aeußerungen, die er in dieser Richtung gethan, sehr scharf zurückgewiesen 
worden sind. 
So viel steht fest, daß wir die Erwerbung der Herzogtümer allein Bis— 
marck verdanken. 
) Die Bedingungen, betreffend die Bildung eines selbständigen Staates Schleswig— 
Holstein, sind enthalten in der Depesche Bismarcks an den Gesandten in Wien, abgedruckt im 
Staats-Archiv Bd. VIII. S. 389. Pr. 184.
	        
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