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Periode von 1849 bis 1859

Full text: Erinnerungen aus dem Leben von Hans Viktor von Unruh / Poschinger, Heinrich von (Public Domain)

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einen sehr einfachen Grund. Wie schon erwähnt, wollte ich bewaffneten Wider— 
stand vermeiden, aber nicht hervorrufen, ebensowenig zur Verweigerung der 
Steuern auffordern, die zu beschließen damals ganz und gar nicht meine Ab— 
sicht gewesen war. Meine Antworten an die Sprecher der Deputationen be— 
standen daher ziemlich stereotyp in dem Dank für die Zustimmung der Deputation 
zu dem Verhalten der Nationalversammlung, in der Aufmunterung, sich offen 
gegen das Ministerium und gegen den König selbst in demselben Sinne auszusprechen, 
und in dem Erwähnen der Hoffnung, daß der König vielleicht durch überein— 
stimmende Erklärungen des Landes veranlaßt werden könne, ein anderes, nicht 
reaktionäres Ministerium zu berufen. Allerdings wurde ich auch öfter von 
einzelnen Deputationsmitgliedern angegangen, bestimmte Maßregeln vorzuschlagen. 
Auch hierbei gab ich stets dieselbe Antwort: Die Nationalversammlung sei kein 
Konvent, ebensowenig gäbe es einen Wohlfahrtsausschuß. Es sei durchaus 
nicht meine Sache, Anordnungen zu treffen. Die Deputationen müßten selbst 
wissen, was zu thun sei; sie möchten sich wo anders Rat holen, nicht beim 
Präsidenten der Nationalversammlung. 
Eines Tages erschienen mehrere Landwehrmänner mit ihren Einberufungs— 
ordres und fragten mich, ob sie sich gar nicht stellen oder sich zwar stellen und 
die Waffen empfangen, dann aber thun sollten, was sie wollten? — Ich ant— 
— DDDDD 
warnen, mit den Waffen in der Hand zu meutern. Es lag auf der Hand, 
daß das Ministerium den Boden unter sich verloren hätte, wenn die gesamte 
Landwehr sich nicht stellte, aber meine Sache war es nicht, als Präsident 
der Nationalversammlung revolutionäre Maßregeln vorzuschlagen oder dazu 
zu raten. 
Daß meine Antworten und mein Verhalten von den Mitgliedern der 
Nationalversammlung durchaus gebilligt werde, mußte ich aus dem Umstande 
schließen, daß stets eine Anzahl Abgeordneter aus den verschiedenen Fraktionen 
zugegen war, sowohl im ursprünglichen Versammlungslokal als in meiner 
Wohnung, wenn ich Deputationen empfing, und daß kein einziger meine Ant— 
worten tadelte oder ein anderes Auftreten von mir verlangte. 
Bei dem sogenannten Steuerverweigerungsprozeß gehörte ich nicht zu den 
Angeklagten, überhaupt ist gegen mich niemals eine gerichtliche oder Disziplinar— 
untersuchung eingeleitet worden. 
Da die eigentliche liberale Partei sich nicht an den Wahlen zur zweiten 
preußischen Kammer nach dem oktroyirten Wahlgesetz beteiligte, so konnte von 
einer Wahlbeteiligung für das Erfurter Parlament noch viel weniger die Rede 
sein. Ich und meine politischen Freunde hielten das Dreikönigsbündnis samt 
der ganzen Unionspolitik und dem Erfurter Parlament von Hause aus für 
ein totgeborenes Kind. Um dies zu erkennen, dazu gehörte keine politische 
Prophetengabe.
	        
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