Path:
Text

Full text: Was ich erlebte / Haase, Friedrich (Public Domain)

besass Intelligenz, Energie und Fleiss, drei Hauptfactoren 
eines Bühnenleiters, in Historie und Ethnographie sehr be- 
wandert, womit er einen äusserst feinen Geschmack und genaue 
Kenntniss seines Publikums verband. Seit einer Reihe von 
Jahren widmete er all seine Kräfte Shakespeare’s Werken, 
die er mit reicher Entfaltung scenischer Mittel zur Aufführung 
brachte, sodass seine Vorstellungen allgemeines und gerechtes 
Aufschen errangen und unzählige Wiederholungen erlebten. 
Die Erbschaft trat, wenn auch an anderer Stätte, „Sir 
[rving“ an, der mit gleichem Erfolg und gleicher Ausdauer 
über hundert Mal Romeo und Hamlet sterben lässt. — 
Ich sah den „Kaufmann von Venedig“. Die prachtvolle 
Ausstattung, das frische Treiben auf der Bühne, die wechselnden 
Bilder, die sämmtlich den passenden Rahmen für die Handlung 
schufen, erweckten meine Neugier und erhielten mich in athem- 
loser Spannung. Die Auffassung des Shylock von Mr. Kean 
trug nicht das Gepräge jüdischer Nationalität und deren Eigen- 
thümlichkeit, sondern er stellte den Helden, den Vertreter einer 
angegriffenen, bekämpften und verachteten Rasse dar. Er liess 
den heldenhaften Ton vorherrschen, sprach mit forcirt breitem, 
heiseren Accent und ich fühlte gar bald die Absicht heraus, 
Aa tout prix originell sein zu wollen. 
Entzückend wirkte Mrs. Kean als Porzia, deren Darstellung 
den Glanz des Abends bildete. Diese Dame, die mit der 
graciösesten künstlerischen Subtilität ihrer so pikanten Aufgabe 
gerecht wurde, wusste den mannigfachen Situationen des Lust- 
spiels einen seltenen Reiz der Darstellung abzugewinnen. Auch 
Miss Charlotte Leclerck unterstützte sie voll munterer, natürlicher 
Naivität. Die kleine allerliebste Nerissa bildete einen charac- 
teristischen Gegensatz zu ihrer Herrin Porzia. 
Ich konnte leider nur .dieses eine Stück sehen, da während 
meines ganzen Aufenthaltes kein anderes gegeben wurde. — 
Die grosse Wirkung dieser Vorstellung in London ver- 
anlasste mich später in Koburg den Herzog Ernst zu bitten, 
doch. für eine ähnliche Vorstellung des Werkes, en miniature,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.