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Full text: Unsere Wohnungs-Enquete im Jahre ... (Public Domain) Issue1912 (Public Domain)

Zeigt ein Vergleich unserer neuesten Ergebnisse mit denjenigen der vorhergehenden 
elf Jahre, auch unverkennbar eine Besserung, so ist trotzdem nicht zu verkennen, dass die 
Dichtigkeitsziffer neuerdings wieder zugenommen hat, 
Die Zahl der alleinwohnenden Kranken ist 1911 bereits geringer wie 1910 und ist in 
unserem Berichtsjahre wiederum zurückgegangen, dementsprechend ist die Zahl derjenigen 
Räume gestiegen, welche mehreren Personen zum Aufenthalt dienten, und zwar ist das bedauer- 
licherweise auch bei den starken Belegungen zu verzeichnen. Wir fanden 
bei Tage 
Männer Frauen 
1912 1911 1910 1912 1911 1910 
mit 6 Personen 3,22 Proz. 2,87 Proz. 2,59 Proz. 241 Proz. 2,30 Proz. 2,08 Proz. 
„ 7 und mehr 2,69 ,„ 2,40 2,220 2,09 1,90 1,56 
Etwas günstiger ist das Verhältnis bei Nacht, aber auch da ist die früher einge- 
tretene Besserung nicht fortgeschritten. Wir haben schon früher unsere Besorgnis darüber 
Ausdruck gegeben, dass in vielen Neubauten die Ausmasse der einzelnen Räume zurück- 
gehen, und zwar trifft dies auch für viele sogenannten besseren Wohnungen zu. Es scheint, 
dass sich die Folgen jetzt bemerkbar machen, und wir würden das um so mehr bedauern, 
als wir anderseits die Beobachtung machten, dass die hygienische Belehrung, welche von 
zahlreichen hygienischen Vortragskursen ausging und von den Schwestern der Fürsorgestellen 
gleichfalls verbreitet wird, auf fruchtbaren Boden fiel. Je enger die Räume, um so schwerer 
lassen sich aber die gegebenen Ratschläge in die Tat umsetzen. Eberstadt*) liefert übrigens in 
einer Zusammenstellung der Behausungsziffern von 33 deutschen Städten den Nachweis, dass 
Berlin im Jahre 1905 mit 77,54 Einwohner auf einem Grundstück die grösste Wohndichte 
erreicht, sie betrug 1895 noch 71,15 und stieg 1901 auf 77,00. Ebenso zeigt die prozentuale 
Verteilung der bewohnten Grundstücke in Berlin, dass die Grundstücke mit 101—300 und über 
300 Bewohner seit 1895 eine weitere Vermehrung fanden; eine Tatsache, die für den 
Hygieniker besonders niederdrückend wirken muss. 
Bei Vergleichen unserer Tafeln F mit den Tabellen G ersehen wir zunächst, dass 
bei Tag eine grössere Zahl unserer Kranken einen Raum allein benützen wie bei Nacht, 
Besonders gross erscheint der Unterschied bei den Frauen. Wesentlich grösser ist dann die 
Zahl derjenigen Patienten beider Geschlechter, welche bei Nacht den.Raum mit einer und 
auch mit zwei Personen teilen, wie am Tag, dagegen ist die Zahl derjenigen Fälle, in welchen 
der Raum von einem Kranken und drei und mehr Personen bei Nacht benutzt wird, viel 
geringer, wie die Tagesziffern der gleichen Rubriken. Trotzdem fanden wir bei den in Familien 
lebenden Kranken noch 4,25 Proz. Männer gegen 4,64 Proz. 1911 und 3,43 Proz, Frauen 
gegen 3,28 Proz. 1911, welche mit 5 und mehr Personen den Schlafraum teilten. Dieser 
Prozentsatz mag flüchtig betrachtet gering erscheinen, in der Tat aber ist eines der wundesten 
Punkte unseres Wohnungswesens, dass 
213 Männer und 236 Frauen 
in einem Jahre gefunden wurden, welche mit 5 und mehr Personen ihren Schlafraum teilen 
mussten trotzdem sie krank waren. Seit wir unsere Wohnungsuntersuchungen vornahmen, 
haben wir aber 3533 Männer und 2778 Frauen in gleicher Lage angetroffen, das heisst 6311 
erwerbsunfähig kranke Menschen, die mit.5 und mehr Personen in einem Schlafraum 
hausten. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass in diesen 6311 Fällen die Kranken ganz 
ungeeignet untergebracht waren, aber für die mehr wie 30000 Menschen, welche mit ihnen 
solch «berfüllte Räume teilten, ergibt sich gleichfalls eine Fülle von gesundheitlichen 
Gefahren, abgesehen von denjenigen sittlicher Natur. Keinesfalls kann in solchen Räumen 
von Ruhe und Behagen die Rede sein, ınd an die Beschaffenheit der Luft in solchen 
Schlafräumen am Morgen darf man kaum denken. | 
Von den 1403 in Familien lebenden Lungenkranken schliefen 302 = 21,52 Proz. 
allein in einem Zimmer gegen 18,90 Proz. im Vorjahre, so dass wenigstens auf diesem 
Gebiete die bereits im Vorjahre festgestellte Besserung anhält und die seit Jahren immer 
wiederholten hygienischen Ratschläge auf fruchtbaren Boden fielen, auch die Massnahmen 
der Fürsorgestellen, welche vielfach auf ihre Kosten den Kranken ein eigenes Zimmer mieten, 
verfehlen hierbei ihre Wirkung nicht. 
Wernicke weist in der bereits angeführten Arbeit auf die besonders wichtige Rolle 
der Wohnung bei Ausbreitung der Tuberkulose hin. Im Anschluss an den Satz Kochs: 
*) Handbuch des Wohnungswesens und der Wohnungsfrage von Prof. Dr. Rud. Eberstadt. Ver- 
ag Gustav Fischer, Jena.
	        
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