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Full text: Unsere Wohnungs-Enquete im Jahre ... (Public Domain) Issue1909 (Public Domain)

Bereits vor 50 Jahren schrieb Victor Aime Huber*) von der Mietkaserne: „Was endlich 
lie Vereinigung einer grossen Anzahl von Wohnungen unter einem Dach betrifft, so liegt 
'‚edenfalls in der Natur der Sache und auf der Hand, dass die Erfüllung aller Bedingungen 
aäjner guten Wohnung in einem Hause schwierig wird, wie dabei auf die Verbindung einer 
grösseren Anzahl von Wohnungen in einem Hause Rücksicht genommen werden soll. Die 
ohnehin grösseren Schwierigkeiten eines grossen Baues im Verhältnis zu einem kleinen ver- 
mehren sich in dem Masse, wie den wirklichen Bedürfnissen vieler und kleiner Mieter 
Rechnung getragen werden soll. Zu den bei jeder Wohnung zu berücksichtigenden Forderungen 
kommt aber hier namentlich die gesteigerte Gefahr für die Abgeschlossenheit des einzelnen 
Familienlebens, wovon dessen Reinheit, Gesundheit — ja Heiligkeit —, so sehr abhängt; 
dann die Vermehrung namentlich solcher Beziehungen und Berührungen, welche die Erhaltung 
des Haus- und Familien-Friedens zu stören geeignet sind.‘ 
Seitdem ist das Kasernensystem in noch weit grösserem Masse vorherrschend geworden 
ınd damit seine Schädlichkeit immer mehr in Erscheinung getreten. Trotz aller Fortschritte 
anserer Kultur finden wir auch heute immer noch Wohnungen, welche, wie Huber sagt, „so 
nichtswürdig sind, dass man den Verkauf von in gleichem Masse schlechten Fleisch, Fisch 
oder Brot ohne weiteres bestrafen oder verbieten würde. In einem halbwegs geordneten Ge- 
meinwesen dürfen nur gutes Fleisch, Brot oder Fisch verkauft werden; faule Fische, Fleisch 
von gefallenem Vieh gar nicht verkauft, nicht einmal umsonst abgegeben werden. Warum 
sollte nun nicht dieselbe Regel für dasjenige Lebensbedürfnis gelten, welches in gewisser 
Hinsicht hierdurch als das dringlichste und wichtigste bezeichnet werden kann, die Wohnung?“ 
Unsere Berichte, wie zahlreiche andere, welche sich mit den Berliner Wohnverhältnissen 
beschäftigen, legen Zeugnis dafür ab, dass wohl in Einzelheiten Verbesserungen eingetreten 
sind, dafür hat schon die Baupolizei Sorge getragen, dass aber die fundamentalen Fehler 
der Mietkaserne, heute nach 50 Jahren noch vorhanden sind und die Bevölkerung wie ein 
Alp bedrücken. 
Die grosse Bedeutung der Wohnfrage wird in immer weiteren Kreisen erkannt, von 
erhöhter Wichtigkeit ist sie für Berlin. Der Berliner Arbeiter ist in seiner übergrossen 
Mehrzahl dazu verurteilt, sein Leben in der Arbeitsstätte oder in der Wohnung zu verbringen. 
Dazwischen liegt. nur der Weg zwischen beiden. Er ist nicht leicht in der Lage, eine Stunde 
der Erholung in frischer Luft zuzubringen, und bedarf dazu schon langer und kostspieliger 
Fahrten, für welche ihm weder Geld noch Zeit genügend zur Verfügung stehen. Um so mehr 
nuss unablässlich darauf gedrängt werden, dass sich der Städte- und der Häuserbau So 
ausgestaltet, dass der Bevölkerung ein menschenwürdigeres Dasein wie heute ermöglicht wird. 
Da 70 bis 80 Proz. aller Deutschen auf kleine Wohnungen angewiesen sind, ergibt sich von 
selbst die Notwendigkeit, dieser Frage die grösste Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Organe 
der Arbeiterversicherung und in allererster Linie die Krankenkassen haben.das grösste Inter- 
esse daran, dass ihre Mitglieder in hygienisch einwandfreier Weise wohnen. Der Einfluss 
der Wohnung auf die Gesundheit der Einwohner wird von berufenster Seite immer wieder 
1achgewiesen. Unsere Aufgabe kann nicht nur allein darin bestehen, im Erkrankungsfalle 
Arzt, Medizin und Krankengeld zu gewähren, sondern es hat sich immer mehr die Not- 
wendigkeit herausgestellt, dass wir auch vorbeugend wirken müssen. Das ist endlich auch 
'n dem Entwurf zur Reichsversicherungsordnung klar anerkannt worden. Gehen wir aber 
den Ursachen nach, die teils zur Erkrankung führen, teils die Wiederherstellung erschweren 
oder ganz unmöglich machen, so finden wir keinen Faktor, der mehr in die Erscheinung 
tritt, wie die Wohnung. Sittliche wie soziale und hygienische Gründe sprechen für die Not- 
wendigkeit einer durchgreifenden Reform. Die Studienreise der deutschen Gartenstadt- 
Gesellschaft in England, die Tagung des deutschen Vereins für Öffentliche Gesundheitspflege 
in Zürich, die zahlreichen Untersuchungen über den Zusammenhang von Krankheit und 
Wohnung, ganz besonders über Tuberkulose und Wohnung, legen Zeugnis ab für den hohen 
Wert dieser Frage, welcher Graf Posadowsky solche Bedeutung beimisst, dass er sagte: „Die 
Wohnungsfrage lösen, heisst den wichtigsten Teil der sozialen Frage lösen.“ Der Wettbewerb 
Gross-Berlins, sowie die Städtebauausstellung haben das Interesse der breiten Oeffentlichkeit 
erregt und haben auch den Krankenkassenvertretern Gelegenheit gegeben, sich mit der Frage 
näher zu beschäftigen. Die mannigfachsten Kräfte regen sich und streben alle nach einem 
Ziele. Mögen auch die Funktionäre der Krankenkassen die ihnen gestellten hohen Aufgaben 
erkennen und würdigen und mögen sie dieselben erfüllen, in Wahrung der ihnen anvertrauten 
ınteressen und zum Wohle der gesamten Bevölkerung. 
*) Zitiert bei Carl Johannes Fuchs: „Die Wohnungsfrage“ in „Die Entwicklung der deutschen 
Volkswirtschaftslehre im 19. Jahrhundert“. . 2. Teil. Leipzig, Verlag von Duncker & Humblot.
	        
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