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Full text: Unsere Wohnungsuntersuchungen in den Jahren ... (Public Domain) Issue1919/1920 (Public Domain)

daß sie leben kann? Platz braucht sie, daß sie leben kann! Eine der größten Ursachen, 
warum die Familie so verkümmert, warum die Seelen der Frauen so matt geworden sind, 
warum die Kinder überhaupt nicht mehr wissen, weshalb sie hier sind oder drüben, warum kein 
Zamilienbewußtsein, kein Familiensinn und keine Familienseele mehr bleibt, ist, weil man 
diese klein gewordene Familie nun auch in zu enge Räume hineingesetzt hat, wie in die 
kleinen Käfige Vögel auf Vögel, und die zwitschern nun durcheinander, daß niemand mehr 
zein eigen Wort versteht. Wer die Familie erhalten will, muß: Raum geben für die Familie 
und für die Kinder.‘‘ Seitdem sind viele Jahre vergangen, es ist immer schlimmer geworden 
und das Wohnungselend hat eine Ausdehnung angenommen, die kaum mehr überboten 
werden konnte, und die sich endlich auch solchen Kreisen fühlbar macht, die sie früher nicht 
sahen, wie in denen, die sie nicht sehen wollten. Heute kann kein Zweifel mehr daran herrschen, 
daß eine Gesundung des ganzen Volkskörpers nur eintreten kann, wenn es gelingt, und zwar 
rasch gelingt, eine gründliche Besserung unserer Wohnverhältnisse herbeizuführen. 
Geben unsere Tabellen auch Gelegenheit zur Beurteilung darüber, wie ein großer Teil 
der versicherungspflichtigen Bevölkerung in Berlin wohnt, so bleiben doch Wohnungsmiß- 
stände aller Art übrig, die sich nicht im Zahlen fassen und in Tabellen unterbringen lassen. 
Wie in früheren Jahren bringen wir deshalb wieder eine Anzahl der Schilderungen, die unsere 
Krankenbesucher ihren Berichten beifüsgten. 
1. Hofzustände. 
Stralsunder Straße 10 (Küche und Stube). 
Wohnung feucht. Die Tapeten hängen in Fetzen von den Wänden. Vor den Fenstern 
ist Stalimist ausgebreitet. 
Mirbachstraße 65 (3 Zimmer und Küche). 
Vor den Stubenfenstern stehen Müllkästen und liegt außerdem Müll noch lose. 
Wohnung feucht. 
Kameruner Straße 11 (Erdgeschoß). 
Das Haus hat keine verschlossenen Müllkästen. Der Müll liegt lose vor den Fenstern 
der Wohnung. — Die nervenleidende Patientin teilt das Bett mit der 13jährigen Tochter. 
Auf unsere Eingabe wurden auf Veranlassung des Polizeipräsidenten die Mißstände auf 
dem Hofe beseitigt. 
Tasdorfer Straße 68, ptr. 
Die Jungenkranke Patientin haust mit ihrer Mutter und Schwester in der Wohnung, be- 
stehend aus 1 Zimmer und Küche. Auf dem Hof ist eine Schmiede, Das eine Fenster ist 
lurch einen Hühnerstall und durch Eisenabfälle verstellt. 
2. Feuchte Wohnungen. 
Stralsunder Straße 26, 111. Stockwerk (Zimmer und Küche). 
Von 4 Personen bewohnt. Wände naß, die Tapete hängt herunter und die Möbel 
mußten abgerückt werden, weil die Rückwände stockten. 
Löwestraße 22, Quergeb. 
Wohnung feucht. Tapete ist durch die Nässe abgefallen und sind durch die Nässe die 
Möbel und Keilkissen verstockt. 
Hochstraße 15, ptr. 
Blutarme und lungenkranke Patientin bewohnt mit ihrer Mutter Stube und Küche. — Die 
Wohnung ist feucht, Tapete abgefallen, an den Möbeln bilden sich Pilze. 
Lange Straße 71. 
Die Wohnung ist sehr feucht. Von den Bettstellen lösen sich die Furniere los. Die 
Tapete hat sich zum Teil abgelöst. 
Waldstraße 27. 
Wohnung dunkel, Fenster gehen nach einem Garten. Die Patientin klagt über große 
Feuchtigkeit. 
Belforter Straße 25 (1 Stube und Küche). 
Die eine Wand ist bis zur Höhe von 2 m vollständig naß, Kleider, die daran hängen. 
sind durchweg feucht.
	        
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