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Full text: Unsere Wohnungsuntersuchungen in den Jahren ... (Public Domain) Issue1918 (Public Domain)

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Die vorstehenden Ziffern zeugen aber auch dafür, daß bei den männlichen Kranken be- 
reits wiederum eine Verschlechterung eingetreten ist, wir befürchten sehr, daß dieselbe anhalten 
und noch mehr zunehmen wird. Der Staatskommissar für das Wohnungswesen hat in seinem 
Erlaß betr. Wohnungsordnungen vom 6. Dezember 1918 ausgeführt: „Bei Erlaß von Wohnungs- 
ordnungen darf jedoch nicht der gegenwärtige ungünstige Stand der: Wohnungsverhältnisse 
ausschlaggebend sein. Vielmehr ist dabei immer der Grundsatz als leitend anzusehen, daß 
die Wohnungsordnungen zwar nur Mindestforderungen stellen, daß diese aber so beschaffen 
sein müssen, daß sie ein in gesundheitlicher, sittlicher und sozialer Hinsicht einwandfreies Wohnen 
ermöglichen“ und verlangt in dem Entwurf zu einer Wohnungsordnung unter C: Soziale und 
und gesundheitliche Anforderungen: „Jede Familienwohnung, in der außer den Eltern mehr 
als zwei Kinder untergebracht sind, soll mindestens aus zwei heizbaren Wohn- und Schlaf- 
räumen und einer Küche bestehen. ‘In diesen Räumen muß soviel Raum vorhanden ‘sein, 
daß auf jeden Bewohner über zehn Jahre mindestens 20 Kubikmeter Luftraum und 8 Quadrat- 
meter Bodenfläche, auf Kinder unter zehn Jahren mindestens 10 Kubikmeter Luftraum und 
1 Quadratmeter Bodenfläche kommen.“ 
Unsere Tabellen lehren, wie weit wir noch von der Erfüllung dieser Forderungen ent- 
fernt sind, zeigen aber auch, daß die Verhältnisse in den Hinterhäusern noch schlechter sind 
wie in den Vorderhäusern, daß dort die Menschen noch enger aneinander gepfercht werden. 
Hinzu kommt, daß bei der hier vorherrschenden Bauhöhe und dem schlechten Grundriß, die 
3ewohner der Hinterhäuser niemals hinreichend Licht und Sonne haben. Wer die Berliner 
Hofwohnungen nicht aus eigener Anschauung kennt, vermag sich kaum einen Begriff von 
dem Berliner Wohnungselend zu machen. Wir lesen bei Noack :* 
„Aus dunklen und engen, von Menschen - überfüllten, von Kindergebrüll dröhnenden 
Wohnungen quillt es atembenehmend, Küchendünste, Wrasen von kochender Wäsche, Ofen- 
rauch und dicker Qualm, gärende Absonderungen. 5 
Ein Gemenge von Küchen-, Stuben-. und Abortdünsten fängt sich zwischen ragenden 
Mauern, die in der Tat wie zu einem Gebäude eng aneinander gereiht sind. Es lastet über 
den paar Quadratmetern in der dunklen Tiefe, die man. beschönigend „Hof“ nennt. Es wird 
alles zur Oeffnung hoch oben in den Dachfirst hinausgedrängt und dazu sind die auf diesen 
Schacht hinführenden Fenster wie die Münder Asthmatischer geöffnet. 
Leben doch die Menschen in den Hofwohnungen viel enger zusammengedrängt als in 
den Vorderhäusern.‘ ; 
J. Schmoll berichtet 1890: von Berliner Mietskasernen, die von 250 Familien bewohnt 
sind, wovon 36. Wohnungen auf einen Hof münden. 
„Hier finden wir wahre Herde von Tuberkulose, hier grassiert die Säuglingssterblichkeit. 
Sehen wir sie uns an, diese Wohnungen! Nicht wert des Namens, nicht würdig, Menschen 
als Wohnstätte zu dienen.‘ 
Die 36 Wohnungen, deren Fenster auf einen Hof münden, sind übrigens durchaus kein 
besonders Vorkommnis in Berlin, wir kennen zahlreiche Mietshäuser, in welchen diese Zahl 
noch wesentlich überschritten ist. 
Die Tafeln D1 und 2 bringen die Trennung derjenigen Kranken, die in ihrer Familie 
wohnen, von solchen, welche in Schlafstellen ‚oder in möblierten Zimmern untergebracht 
sind und nach der Höhenlage der Wohnungen; sie zeigen außerdem die Verteilung nach 
Krankheitsgruppen. 
Wir zählten in Schlafstellen oder möbliert wohnend: 
1918 1917 
504 = 2,70 Proz, gegen 3,34 Proz. Kranke 
und zwar 126 = 0,67 „060,89 „ Männer 
3718 — 2,03 „= 245 „ Frauen 
Oder 126 = 437 „4,10. „ der besuchten Männer 
3718 — 240 „ 3,01 “ \ Frauen 
Diese Ziffern spiegeln nach unseren Erfahrungen nicht das tatsächliche Bild des in 
Berlin herrschenden Schlafstellenwesens wieder; das ist erklärlich, da Kranke, welche allein- 
stehen, nicht nur bei jeder ernsteren Erkrankung von den behandelnden Aerzten fast regel- 
mäßig an Krankenhäuser überwiesen werden, sondern dieser Anordnung auch im Gegensatz 
von Familienmitgliedern, selten Widerstand entgegensetzen. 
Bei der Aufnahme der bewohnten. Wohnungen und Haushaltungen am 1. Dezember 1910 
wurden 152591 Zimmerabmieter und Schlafgänger bei einer Haushaltungsbevölkerung von 
* Wohnungsnot und Mieterelend von Victor Noack, ehrenamtlicher Geschäftsführer des Ansiedlungs- 
vereins Groß-Berlin. Verlag ]J. Wasmuth & Co., Berlin 5.
	        
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