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Full text: Unsere Wohnungsuntersuchungen in den Jahren ... (Public Domain) Issue1915/1916 (Public Domain)

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Krieges schon sehr bemerkbar gemacht, und die Nachfrage nach kleinen und kleinsten 
Wohnungen wird bei Friedensschluß so zunehmen, daß das Angebot den Bedürfnissen in 
keiner Weise wird entsprechen können. Dazu kommt, daß bei Friedensschluß die Kriegs- 
getrauten in großen Scharen auf dem Wohnungsmarkt erscheinen werden, ebenso die Männer 
der Frauen, die während des Krieges ihre Wohnungen aufgegeben haben. Auslandsdeutsche, 
die künftig wieder in ihrer Heimat leben wollen, werden in nicht unerheblicher Zahl die 
Reihen der Wohnungsuchenden vermehren. Das wird zusammen eine stattliche Zahl sein, 
die gerade nach dem Kriege Wohnungsausschau halten wird, und deren Wünsche von dem 
Bestehenden nicht befriedigt werden: können. Und doch ist es für uns ein dringendes 
Gebot der Notwendigkeit, dafür zu sorgen, daß, soweit es geht, diese Bedürfnisse befriedigt 
werden und daß so viel wie möglich neue Haushaltungen begründet werden, damit auch 
dadurch versucht wird, die Lücken, die der Krieg in die Reihen unseres Volkes geschlagen 
hat, so schnell als möglich auszufüllen.‘ 
Nun ist zwar nicht zu leugnen, daß der im Herbst 1916 gegründete Deutsche Wohnungs- 
ausschuß, der Deutsche Verein für Wohnungsreform, die Landes- und Provinzialwohnungs- 
vereine usw. eine sehr rührige und umfangreiche Tätigkeit entfalten. Auch in den gesetz- 
gebenden Körperschaften und in Regierungskreisen hat man der Wohnungsfrage zweifellos 
während des Krieges ein sehr lebhaftes Interesse entgegengebracht. Besonders erfreulich ist 
es dabei, daß die preußische Regierung im Dezember 1916 den Entwurf eines Wohnungs- 
gesetzes dem Abgeordnetenhause vorlegte, Der ebenso wie ein gleichzeitig eingebrachter 
Entwurf eines Gesetzes wegen staatlicher Verbürgung zweiter Hypothcken verschiedene Fort- 
schritte enthält. Ganz besonders ist dabei die Bestimmung zu begrüßen, daß nicht mehr, 
wie bisher, nur die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der in staatlichen Betrieben be- 
schäftigten Personen gefördert werden soll, sondern in der den Vorlagen beigefügten Be- 
gründung ausdrücklich ausgesprochen wird: „Diese Beschränkung der staatlichen Wohnungs- 
fürsorge auf einen bestimmten Personenkreis wird nicht mehr der Bedeutung gerecht, die 
das Wohnungswesen für die Gesundheit der Nation nach den schweren Verlusten des Krieges 
gewonnen hat. Es muß jetzt alles daran gesetzt werden, daß unser Volk die ungeheure 
Einbuße an Kräften möglichst rasch wieder wettmacht. Dies geschieht u. a. dadurch, daß 
auch der Staat die unmittelbare Fürsorge für das Kleinwohnungswesen als seine Aufgabe 
anerkennt und für sie im Rahmen der zurzeit verfügbaren Kräfte Mittel bereitstellt.“ 
Der 8 1 des Artikels 6 des Entwurfs eines Wohnungsgesetzes sieht dann vor, daß der 
Staatsregierung 20 Millionen Mark zur Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaues zur 
Verfügung gestellt werden. Ferner fordert das Gesetz über die staatliche Verbürgung zweiter 
Hypotheken: „die Einstellung eines Betrages von 10 Millionen Mark in den Staatshaushalt 
als Sicherungsfonds für den zehnfachen Betrag, also 100 Millionen Mark, in welchem_der 
Staat die Bürgschaft für zweite Hypotheken für den Kleinwohnungsbau, die von anderer Seite 
an gemeinnützige Bauunternehmungen gegeben werden, übernehmen will“. Leider ist die 
Beratung des Wohnungsgesetzes im Herrenhause vertagt, aber es ist doch eine bedeutsame 
Wendung in der Wohnungspolitik festzustellen. 
Trotzdem wäre es ungerecht, nun alles dem Staate zu überlassen, bei einer Frage von 
solch weittragender Bedeutung haben alle Kreise tatkräftig mitzuarbeiten, die an einer Besserung 
lebhaftes Interesse haben. Zweifellos zählen dazu auch die Krankenkassen, und je mehr es gelingt 
geräumige, helle, luftige Kleinwohnungen zu erschwinglichen Preisen zu erstellen, um so mehr 
darf eine Hebung der Volksgesundheit und eine Minderung der Lasten der Krankenkassen 
erwartet werden. In Wahrung wohlverstandener Interessen hat eine große Zahl der Landes- 
Versicherungsanstalten durch leihweise Hergabe von Mitteln den Kleinwohnungsbau sehr 
gefördert. Es ist an der Zeit, daß auch die deutschen Krankenkassen der Wohnungsfrage 
ıaicht nur eine theoretische Zuneigung entgegenbringen, sondern tatkräftig an der Lösung 
dieser überaus wichtigen Frage mitarbeiten. 
Das kann geschehen, indem sie die Aufenthaltsräume ihrer Kranken untersuchen, auf 
die dabei festgestellten Mißstände besonders aufmerksam machen und dafür Sorge tragen, 
daß die Patienten aus Räumen entfernt werden, in welchen die Gesundung unmöglich ist 
oder verzögert wird. Diese Tätigkeit wird besonders da dringend notwendig, wo keine Wohnungs- 
Ämter bestehen und keine Wohnungsfürsorge eingerichtet ist. 
Die Krankenkassen können aber auch die gemeinnützige Bautätigkeit wesentlich durch 
Hergabe hypothekarischer Darlehen fördern. Auf Veranlassung des Westfälischen Vereins 
zur Förderung des Kleinwohnungswesens* hat das Oberversicherungsamt zu Arnsberg eine 
* Krankenkassen und gemeinnützige Bautätigkeit, von Regierungsassessor Dr. Rusch, Westfälisches 
Wohnungsblatt, 6. Jahrgang.
	        
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