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Full text: Unsere Wohnungsuntersuchungen in den Jahren ... (Public Domain) Issue1915/1916 (Public Domain)

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Arbeiterfrauen steckt. Beim Lesen dieser schlichten, schmucklosen Schilderungen wird uns 
so recht klar, welches Unrecht den Frauen geschieht, wenn immer und immer wieder behauptet 
wird, sie verständen zu wenig von Wirtschaft und Haushaltung. Stoffers hat wohlgetan, daß 
er seiner Sammlung das Motto voransetzte : 
Fortis Leo, Tapfer ist der Löwe, 
Fortior Miles, Tapferer der Soldat, 
Fortissimus Mulier. Der Tapferste die Frau. 
Die Klagen, die aus den Briefen immer wieder tönen, sind uns auch hier nicht unbekannt: 
„Nun habe ich wohl in den Zeitungen gelesen, 3-räümige Wohnung zu vermieten. Ich 
ging nun gleich hin und schell an. Kurze Zeit wird losgelöst und ich gehe rein. Kommt 
mich schon jemand auf der Treppe entgegen. Was wünschen Sie liebe Frau? Ich wollte 
anfragen, ob ich die Wohnung könnte bekommen. Ja wie viel Zimmer hätten Sie gern? 
Drei. Haben Sie auch Kinder? Wie viel haben Sie? Ich sagte schon die Wahrheit, wie 
viel ich hab. Ach nee, so viel habe ich nicht gerne. In meinem Haus haben sie ein Oder 
zwei. Das geht noch. Aber so viele, nee, nee, ich hätte gern noch ganz junge Leute, mit 
gar keine Kinder.“ 
„Die ersten Jahre unserer Verheiratung hatten wir keine Not, um Wohnung zu bekommen. 
Aber nach 8—10 Jahren ging das Elend los. Wenn ich ging Wohnung suchen, war die erste 
Frage, wie viel Kinder haben Sie? Ich durfte niemals die Wahrheit sagen, nur 4, höchstens 
5 Kinder habe ich angegeben und das war immer schon zu viel.“ 
Wir wissen genau, daß in Düsseldorf andere Verhältnisse herrschen wie in Berlin. Die 
Bauweise dort ist viel günstiger wie hier, Anders wäre es nicht möglich, daß über 1500 Mütter, 
die acht, zehn, zwölf und noch mehr Kinder geboren haben, Ehrengaben erhielten, weil „solche 
Mütter sich um Deutschland besonders verdient gemacht und daß sie einen Anspruch darauf 
nätten, besonders geehrt zu werden“. In Berlin würden Familien mit acht, zwölf, ja fünfzehn 
jebenden Kindern noch ganz andere Schwierigkeiten zu überwinden haben, um eine Wohnung 
zu erhalten, wie im Regierungsbezirk Düsseldorf. Hindernisse, auf die es mit zurückzuführen 
ist, wenn ‘der Geburtenrückgang in der Reichshauptstadt auch ein wesentlich höherer ist, 
Schwierigkeiten, auf die auch Dernburg a. a. O. hinweist. 
„Schon Familien mit mehr als zwei oder drei Kindern werden häufig beim Mieten von 
Wohnungen abgewiesen und finden nur in schlechten Wohnvierteln Raum. Gute Häuser und 
gute Wohnungen sind ihnen in der Regel verschlossen. Ja es findet eine grundsätzliche 
Bevorzugung kinderloser Eheleute statt; denn es ist Tatsache, daß viel Kinder im Hause auch 
viel Instandsetzungsarbeiten verursachen, und daß trotz der größeren Benutzung bei den 
kinderreichen Familien kein höherer Mietpreis gezahlt wird, und ziehen die Hauswirte wie 
auch die anderen Mietsparteien Stille im Hause dem störenden Kinderlärm vor. Rücksicht 
auf „bessere Mieter“ zwingt den Hauswirt oft, kinderreiche Familien abzulehnen.“ 
Und weiter: 
„... Wie schon oben angeführt, sind kinderreiche Familien fast nur auf die schlechten 
alten Wohnviertel angewiesen. Gute, neue Wohnungen stehen ihnen, sofern sie die Mittel 
zur Mietszahlung haben, eigentlich nur in den auf gemeinnützigem Wohnungsmarkt erstellten 
Wohnungsvereinen zur Verfügung. Aber auch dort sind kinderreiche Familien nicht die Regel, 
wenn. es sich nicht um Unternehmen mit kapitalistischem Einschlag handelt, bei denen es auf 
eine Rentabilität nicht so sehr ankommt.“ 
Und Stoffers kommt auf Grund der reichen Erfahrungen, die er bei seinen Ermittlungen 
gewonnen hat, zu folgenden Ausführungen: 
„... Wenn ihr die kinderreichen Familien aus den Massen, aus den Klassen, die uns die 
Besserung bringen müssen, die für den Erfolg ausschlaggebend sind, unter den Umständen 
wohnen und leben laßt, unter denen sie jetzt wohnen und leben müssen, dann sind und 
bleiben sie die allerschlimmste, die allergefährlichste Propaganda für die gewollte Geburten- 
hinderung. 
Diese Hetze nach einer Wohnung ist das Los fast aller kinderreichen Familien. Unter 
all den Schilderungen, aus der Mitte kinderreicher Mütter, die mir vorliegen, und die alle nur 
einen Regierungsbezirk des Vaterlandes umfassen, ist kaum eine, die davon nicht zu erzählen 
weiß. Die Not ist allgemein. Aber warum handelt der Hausbesitzer so? Warum stößt er 
die kinderreichen Familien zurück, wenn er es kann? Nun, die Frage beantwortet sich von 
selbst. Kinderlose Familien sind viel bequemer, stiller, Die zwei Kinder stören seine Ruhe 
nicht, sie verderben weniger. 
Die kinderreichen Familien sind auf den Wohnungsmärkten beinahe vogelfrei. Wer das 
nicht weiß oder glaubt, nehme sein Leibblatt zur Hand und schlage die Spalte auf, wo die
	        
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