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Full text : Dienstblatt des Senats von Berlin (Public Domain) Ausgabe 1962 (Public Domain)

170

29.  März  1913.

Zentralblatt  der  Bauverwaltung.

Die  Hubzahl  betrug  bei  einem  Druck  von  4 l /a  Atmosphären  500
bezw.  300,
Zu  den  Sprengungen  wurde  das  von  der  Sprengstoff-Aktien-Gesellschaft
  in  Schlebusch  hergestellte  Gelatine  -  Donarit  verwandt.
Das  Ergebnis  der  Durchführung  der  Sprengungen  nach  dem  Verfahren ­
  1  war  jedoch  nur  ein  teilweise  gutes.  Die  Gewißheit,  daß  der
Pfeilerkern  in  baggerfähige  Stücke  zerkleinert  war,  konnte  man  erst
bei  Ausführung  der  Baggerung  seihst,  nachdem  der  gesamte  Mauerkern ­
  gesprengt  war,  erlangen.  Es  stellte  sich  heraus,  daß  die  Wirkung
nicht  die  erwartete  war.  Einmal  waren  Körper  abgesprengt,  die
nochmals  durch  Sprengung  zerkleinert  werden  mußten,  ehe  sie  gebaggert ­
  werden  konnten  ,  dann  stellte  es  sieh  heraus,  daß  der  Kern
nicht  bis  zur  Sölile  gesprengt  war;  infolgedessen  mußte,  nachdem  ein
großer  Teil  gebaggert  war.  eine  zweite  Sprengung  vorgenommen
werden.  Hieraus  erklärt  sich  die  Überaus  lange  für  den  Pfeiler  aufgewandte
  Abbruchsarbeitszeit  gegenüber  der  Dauer  des  Abbruchs  des
linksrheinischen  Pfeilers  (sieh  Zusammenstellung).
Es  wurden  bis  zu  40  kg  Sprengstoff  bei  einer  Sprengung  verwandt, ­
  ohne  daß  sich  irgendwelche  Nachteile  bemerkbar  machten;
insbesondere  wurden  Beschädigungen  am  neuen  Strompfeiler,  der
dauernd  beobachtet  wurde,  nicht  festgestellt.
Bei  den  übrigen
Pfeilern  wurde  ein  Verfahren ­
  angewandt,  das
zwar  an  und  für  sich
mehr  Zeit  erforderte,
das  aber  mit  Sicherheit ­
  jederzeit  den  Fort  -
seliritt  der  Arbeit  feststeilen
  ließ.  Nach  Verfahren ­
  II  auf  Abb.  7
wurden  die  Bohrlöcher
in  einer  durchschnittlichen ­
  Länge  von  1,5  m
angesetzt  und  dann  in
einer  Reihe  von  Sprengungen ­
  eine  Pfcilerlamelle
  von  l 1  3  m  Tiefe
abgesprengt.  Durch
Befahren  mit  dem
Taucherschacht,  in  welchem ­
  auch  das  Bohren
der  Löcher  erfolgte,
konnte  alsdann  das
Ergebnis  der  Schüsse
festgestellt  und  durch
Baggern  die  abgesprengte ­
  Schicht  beseitigt  werden.  Man  war  somit  unliebsamen
Überraschungen  nicht  ausgesetzt.
Die  Höhe  der  Ladungen  mußte  infolge  der  Nähe  des  linksrheinischen ­
  Ufers  und  der  in  der  Nähe  der  Brücke  liegenden  historischen ­
  Bauwerke  wesentlich  eingeschränkt  werden.  Aus  diesem  Grunde
war  der  Höcbstbetrag  der  Sprengmunition  auf  15  kg  festgesetzt,  sie
mußte  jedoch  auf  7'/ a  und  weiter  auf  5  kg  eingeschränkt  werden.
Verwandt  wurde  Gelatine-Donarit.
(»roßen  Widerstand  bot  beim  Sprengen  insbesondere  die  Spundwand, ­
  Die  zu  ihrer  Beseitigung  angesetzten  Schüsse  schlugen  unmittelbar ­
  aufs  Wasser  und  riefen  dadurch  eine  wesentlich  stärkere
Erschütterung  hervor  als  die  im  Mauerwerk  sitzenden  Schüsse,  deren
lebendige  Kraft  durch  Zertrümmern  der  elastischen  Mauerwerkteile
aufgehoben  wurde.  Da  durch  die  Wasserschüsse  starke  Erschütterungen ­
  an  den  in  der  Nähe  liegenden  Gebäuden  hervorgerufen  wurden,
mußte  schließlich  von  der  Sprengung  abgesehen  und  die  Beseitigung
der  Spundpfahle  durch  Unterwassersäge  und  Ziehen  der  Stümpfe
versucht  werden.
Die  Arbeiten  wurden  ausgeführt:  am  rechtsrheinischen  Pfeiler
durch  die  Firma  Fritz  Pilgram  in  Mülheim,  am  mittleren  und

Hei  ii  hold
Und  wieder  neigen  wir  unser  Haupt  in  tiefer  Trauer,  in  bitterem
Schmerze  an  der  Bahre  eines  unserer  Besten!  .Julius  Habicht,  William
Müller,  und  nun  auch  noch  Reinhold  Kielil:  Ein  Dreigestirn,  dem  die
Lösung  großer  Aufgaben  bevorstand,  zu  deren  Können  Mitwelt  lind
Fach  in  gleicher  Weise  festes  Vertrauen  hegte.  Mitten  in  ihrer  Arbeit,
vor  den  herrlichsten  Aufgaben,  noch  ehe  sie  ihr  vierzigstes  Lebensjahr ­
  erreicht  haben  legt  sich  die  beinerne  Hand  auf  ihre  Schulter,
und  der  Zeichenstift  entsinkt  den  kraftlosen  Händen.
Reinhold  Kiehl,  du  feiner,  du  treuer,  ein  ernstes,  aber  auch  ein
schönes  Lehen  liegt  hinter  dir.
Am  22.  April  1874  wurde  er  in  Danzig  geboren.  Schon  mit  elf

Zusammenstellung

a)  der  insgesamt  verwandten  Arbeitstage.

Rechtsrhein.
StrompfeiLer

Mittlerer
Strompfeiler

Linksrhein.
Strompfeiler

Vorgesehene  Arbeitstage  .

89  Tage

141  Tage

202  Tage

Gebrauchte  Arbeitstage.  .

162  „

238  „

126  „

Verhinderung  durch  Hochwasser, ­
  Eisgang  usw.  ,  .

149  „

77  „

132  „

Dauer  der  Arbeiten  .  .  ,

311  „

315  „

258  „

b)  der  nach  Arbeitsmaschinen  getrennten  Tagewerke  und  der  verwandten ­
  Sprengstoffmenge.

Baumaschinen

'
Rechtsrhein.
Strompfeiler

Mittlerer
Strompfeiler

Linksrhein.
Strompfeiler

Arbeitstagewerke  ....

162

238

126

Baggertagewerke  ....

76

98

72

Greifertagewerke  ....

11

—-11



Taucherglocke  tage  werke  .

51

61

55

Bohrmaschihentagewerke  .

46

72

42

Kähnetagewerke  ....

95

139

84

Dampfertagewerke  .  .  .

92

173

106

Kranetagewerke  ....

13

36

9

Munition

969,90  kg

1095,10  kg

884,50  kg

linksrheinischen  Pfeiler  durch  die  Firma  Grün  u.  Bilfinger  in  Mannheim. ­

Abb.  5  bringt  die  Lichtbildaufnahme  eines  Sprengschusses.  Die
Brücke  war  gegen  Beschädigung  durch  hochfliegende  Mauerteile  durch
einen  Bohlenbelag  gedeckt.  Zwischen  Bohlenbelag  und  Fahrbahn
waren  Reisigbündel  eingebracht.
Die  Beseitigung  der  Steinmassen  erfolgte  durch  Eimerbagger  und
Greifer.  Den  verwandten  Taucherschacht  zeigt  Abb.  (5.
In  der  vorstehenden  Zusammenstellung  sind  die  aufgewandten
Arbeitstage  und  Munitionsmengen  zusammengestellt,  um  einen  Überblick ­
  Uber  die  aufgewandten  Einzelkosten  zu  ermöglichen.
Bei  der  Eigenartigkeit  der  Arbeiten  war  die  Festsetzung  von
Fertigstellungsterminen  äußerst  schwierig.  Der  stets  wechselnde
Wasserstand  konnte  die  Arbeiten  auf  unbestimmte  Dauer  unmöglich
machen.  Tage,  an  denen  der  Wasserstand  mehr  als  3.5  m  über
Kölner  Pegel  betrug,  schieden  bei  der  Berechnung  des  Endtermins
aus,  da  alsdann  die  Bagger  nicht  mein'  genügend  tief  greifen  konnten.
Bei  allzu  niedrigem  Wasserstand  konnte  wiederum  die  Taucherglocke ­
  sich  nicht  über  den  Pfeilerkern  legen,  so  daß  das  Verhältnis
zwischen  der  Zahl  der  ausgenutzten  Tage  und  der  Tage,  an  denen
die  Arbeit  aus  obigen  Gründen  oder  infolge  Eisganges  ausgesetzt
werden  mußte,  sehr  ungünstig  war.
Unter  Berücksichtigung  dieser  Umstände  waren  die  verwaltungsseitig
  gestellten  Fristen  sehr  kurz  und  konnten  daher-auch  in  keinem
Falle  eingehalten  werden  (sieh  Zusammenstellung).
Sicherungsmaßnahmen.  Zur  Sicherung  des  die  Arbeitstelle,
umgebenden  regen  Verkehrs  waren  besondere  Maßnahmen  getroffen.
Die  Zahl  der  Sprengungen  war  auf  zwei  täglich  beschränkt.  Während
des  Schusses  blieb  die  oberhalb  der  Pfeiler  liegende  Schiffbrücke
gesperrt,  stromab  war  ein  Wahrschauboot  aufgestellt.  Eisenbahnund
  Straßenverkehr  waren  während  der  Sprengpausen,  deren  jede
rund  10  Minuten  erforderte,  eingestellt.
Die  Hauptbaggerarbeiten  mußten,  um  den  Schiffsverkehr  nicht
zu  stören,  nachts  ausgeführt  werden.
Die  Einwirkung  der  Sprengschüsse  auf  die  neuen  Pfeiler  und
die  Fahrbahn  der  Brücke  sowie  auf  die  umliegenden  wichtigen  Gebäude ­
  wurden  durch  besonderes  Verfahren  beobachtet  und  die  Erschütterungen ­
  gemessen.  (Schluß  folgt.)

Kiehl  t-Jahren
  verlor  er  seinen  Vater,  der  dem  Kaufmannsstand  angehörte.
Nachdem  er  seine  Abgangsprüfung  auf  dem  dortigen  Königlichen
Gymnasium  bestanden  hatte,  bezog  er  die  Hochschulen  von  München
und  Braunschweig,  wo  er  auch  die  Staatsprüfung  mit  gut  bestand.
Als  Bauführer  ging  er  zunächst  nach  Dresden,  um  bei  den  städtischen
Krankenhaiisbauten  Beschäftigung  zu  finden,  alsdann  nach  Charlottenburg
  zum  Erweiterungsbau  der  Technischen  Hochschule.
Weihnachten  1900  legte  er  seine  Prüfung  als  Regierungsbaumeister
ab,  uni  zunächst  als  BaugewerkschuUehrer  in  Breslau,  dann  in
Hildesheim  zu  wirken.  Aber  nicht  lange  beliagte  ihm  die  lehrhafte
Tätigkeit.  Seine  bildende  Phantasie  mußte  die  Schöpfungen  seines

a)  Verfahren  I,  Durchbohren  des  ganzen  Kerns,
Bohrlochlänge  bis  zu  7  m.
b)  Verfahren  II,  Absprengen  in  Lamellen,  Bohrlochlänge ­
  1,5  m.
Abb.  7.  Darstellung  des  Ansetzens  der
Bohrlöcher.
            
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