83
Franz Schwab!, Die vorkarolingisch© Basilika St. Emmeram in Begensburg
später ara mehrfach erwähnten Bauplan von St. Gallen ziem*
lieh weit entwickelt vorfindea und die wir in der Folgezeit
immer mehr zu strenger Gesetzmäßigkeit heranreifen sehen,
zum sogenannten „gebundenen System“.
Di© Bauzeit ist ziemlich genau begrenzt. Zur Zeit der
Übertragung der Reliquien des hl. Emmeram durch Bischof
Gaubald aus der Georgkapelle in das, wie ausdrücklich be
richtet wird, „neu bereitete Grab“, d. h. in die 1894 wieder
entdeckte Confessio, müssen wir einen ersten Teil der Kirche
schon fertig annehmen; höchstwahrscheinlich nur die Krypta.
So läßt sich wohl auch am besten erklären, daß von einer
neuen „Kirche“ zu jener Zeit noch nicht berichtet wird.
Gaubald war nun aber der erste Bischof mit dauerndem
Wohnsitz in Regensburg, den der hl. Bonifatius bei der von
ihm vorgenomraenen -Einteilung der Bistümer im Jahre 739
dort eingesetzt batte. Die Übertragung der Eromeramreliquien
wird in die erste Amtszeit Gaubalds verlegt; nach den „flores
temporum“, die wie erwähnt den hl. Bonifatius dabei selbst
beteiligt sein lassen, wäre das Jahr 740 dafür anzunehmen.
In der Folgezeit wuchs der weitläufige Kirchenbau allmäh
lich heran nnd wurde unter Gaubalds zweitem Nachfolger
Sindbert (768 — 791) mit Unterstützung Karls des Großen
(um das Jahr 783?) vollendet. Wir kommen somit auf eine
vergleichsweise keineswegs lange Bauzeit von 40 — 50 Jahren
und schreiben den Entwurf noch der ersten Hälfte des 8. Jahr
hunderts zu.
Da bedürfte es denn kaum mehr der besonderen Nach-
richtf die den hl. Bonifatius mit der Übertragung der Em
meramreliquien und damit mit der ersten Weihe der Kirche
in Zusammenhang bringt. Wir gehen mit der Annahme ge
wiß nicht fehl, es sei der hl. Bonifatius dem Bau der Kirche
nahe gestanden, Dieser große, tatkräftige Bischof, der in
Regensburg den Bischofstubl errichtete, hat sicherlich auch
den Bau einer würdigen Kathedralkirche als besonders wich
tigen Teil seiner Sendung betrachtet. Wir dürfen St. Em
meram , wo der älteste Sitz der Regensburger Bischöfe war,
somit als Gründung des hl. Bonifatius ansehen. Und diese
Bischofskirch© stellt sich als ein Bauwerk von solch über
ragender Großartigkeit dar, daß alle bisherige Erwartung und
Mutmaßung bei weitem übertroffen wird.
B. Kunstflcscbichtliche Stellung.
I. Bntwicklungsfragen der altchristlich-
romanisehen Übergangszeit
1. Vorbemerkungen und minder wichtigeEinzel-
heiten der Kirche ‘ St. Emmeram. Nach Zeit und Art
ist diese Kirche eines der wertvollsten Baudenkmäler des
frühen Mittelalters überhaupt. Sie steht mit Abstand zumal
an der Spitze aller bis heute nachgewiesenen und in solchem
Umfange bis heute noch erhaltenen, großen Basiliken jener
Zeit. In einer ganzen Reihe von Punkten kommt ihr außer
ordentliche Bedeutung zu. Das gilt vor allem hinsichtlich
der Krypten- und Apaisanlage und bezüglich des Querbaues,
. bzw. der Grundrißlösung des lateinischen Kreuzes. Erst nach
der Würdigung dieser Fragen werden wir den Gesamtbau
richtig einschätzen können. Doch schicken wir diesen Son-,
deruntersuchungen vorerst die Besprechung einiger Einzel
heiten voraus.
84
Mit westlichem Vorho! und besonderem Torbau steht
St. Emmeram durchaus mit dem allgemeinen Bilde stattlicher
Kirchen der Frühzeit in Einklang. Von den ziemlich zahl
reich nachgewiesenen Beispielen sei Steinbaoh i. 0. genannt,
auch Aachen und Essen und namentlich Lorsch an der Berg
straße, wo uns die TorhaUe fast unversehrt noch erhalten
ist. Ob unsere Vermutung bezüglich der auch für St. Gallen
einst geplanten Tortürme richtig ist, muß vorerst noch offen
bleiben. Der Platz der alten Sakristei an der dem Kloster
abgewendeten Seite ist, obgleich diese Anordnung wenig
zweckmäßig scheint, gleichfalls ziemlich häufig. Wir werden
das gleiche n. a. zu St. Zeno in Reichenhall wiederfinden, in
der späteren Hirsauer Schule wurde diese Planung sogar zur
Regel. Im Aufbau fällt eine ungewöhnliche Schlankheit der
Verhältnisse auf. Es gilt das nicht so sehr für den Quer*
schnitt an sich als für das Bild der von der Krypta ein
geschnürten Apsis und für die Arkaden. Namentlich diese
waren sehr kühn gebaut, und wir verstehen, daß sie einer
schweren Brandprobe nicht standhalten konnten. Wir ver
muten dabei die Stützen als quadratische Pfeiler. An und
für sich könnte auch an eine ursprüngliche Säulenbasilika
gedacht werden. Nachdem in der Folgezeit im ganzen Nach
bargebiet der Pfeiler jedoch bei weitem vorherrscht, nach
dem Säulen schwerer zu beschaffen gewesen wären und selbst
bei einfachster Behandlung immerhin einige, sonst am Bau
geradezu ängstlich vermiedene Eierglieder verlangt hätten, so
scheint die Ausführung von Pfeilerarkaden gewiß zu sein.
Nun entstand der Entwurf dieser Anlage aber sicherlich nicht
in Regensburg, und so wäre denkbar, daß im allgemeinen
Plane an Säulen gedacht war und daß ihr Ersatz durch
Pfeiler vom Tiefstand der örtlichen technischen Leistungs
fähigkeit bedingt wurde; ähnlich könnt© man auch den völli
gen Mangel an Schmuckgliedern zu erklären suchen. Ander
seits bestätigt aber der Bau gerade durch diese Armut au
Zierat jene allgemeine Beobachtung, es sei „den schöpferi
schen Zeiten, in denen neue Gedanken entstehen, eigentüm
lich, daß man das Ziel mit geringen Mitteln zu erreichen
sucht, daß mau sich nur mit den großen Linien begnügt,
• die das gewollte Bild umreißen, ohne aufs Einzelne ein-
• zugehen.“ 31 * ) In konstruktiver. Beziehung ist diese frühe An
lage recht wohl überlegt. Die Mauer der Apsis ist mit Rück
sicht auf das hoobliegende Gewölbe wesentlich stärker als
das übrige Hochmauer werk; ähnlich das Mauerwerk der Quer-
bauflögel, woraus wir ja auf den Hochbau schlossen. Auf
starken Mauern sind ferner die wohl in Gußmauerwerk aus-
geföhrten Tonnen der Krypta und des östlichen Eingangs
gelagert. Die sonstigen Mauem sind verhältnismäßig schwach
und die Giebelmauern dabei nicht stärker als die übrigen.
Bei den sicherlich nur ziemlich flachen Giebeln kann eine
stärker© Belastung im Vergleich mit den Tragmauern der
Balkendecke auch tatsächlich nicht in Betracht kommen. Über
die wichtigen Einzelheiten der Mauertechnik läßt sich zur
zeit, solange dicke Putzscbichten den Kern umhüllen, kein
Urteil fällen; hierüber Klarheit zu schaffen muß einer spä
teren Untersuchung Vorbehalten bleiben.
Wenden wir uns nunmehr den Hauptfragen des Baues
im besonderen zu.
31) A. Hatthaei, Deutsche Baukunst im Mittelalter. Leipzig
1912 (B. Anfl.), S. 38.