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Full text: IÖW-Impulse (CC BY-NC-SA) Ausgabe 3.2022 (Rights reserved)

Impulse INSTITUT FÜR ÖKOLOGISCHE WIRTSCHAFTSFORSCHUNG NR . 3 | M Ä R Z 2 0 2 2 Astrid Aretz, Nesrine Ouanes, Jan Wiesenthal, Kristian Petrick, Bernd Hirschl Energiewende beschleunigen: Stromnetz für gemeinschaftliches Energy Sharing öffnen Der Ausbau erneuerbarer Energien wird immer dringlicher. Er bietet einen Ausweg aus der Klima- Empfehlungen für eine schnelle krise und ist zentral für mehr Energiesouveränität Verbreitung von Energy Sharing in Deutschland und Versorgungssicherheit. Eine Beschleunigung wird nur mit neuen Instrumenten gelingen. Um neue Standorte für Windenergie und Photovoltaik auf Freiflächen zu erschließen, ist die Akzeptanz der Menschen vor Ort eine wesentliche Voraussetzung. Ein Schlüssel für Akzeptanz ist Teilhabe, wie sie das Konzept Energy Sharing ermöglicht: Bürger*innen können Windkraft- oder Solaranlagen in ihrer Umgebung mitfinanzieren und den produzierten Strom selbst beziehen. Im Kleinen funktioniert dies bereits mit Photovoltaikanlagen (PV) auf Einfamilienhäusern. Wenn mehr Menschen diese Möglichkeit bekommen und sich in Gemeinschaften zusammenschließen, dann können sie auch im Großen mehr erreichen. Die bestehenden Strukturen zur Förderung erneuerbarer Energien sehen dies aktuell allerdings nicht vor. Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften (EE-Gemeinschaften) sollten das Stromnetz nutzen können und einen finanziellen Vorteil erhalten, wenn sie selbst erzeugten Strom aus „ihrer“ Anlage zeitgleich verbrauchen. Die regulatorischen Rahmenbedingungen hierfür müssen jetzt geschaffen werden. 1. Bürger*innen an Energiewende beteiligen: Energy Sharing kann 42 Prozent des EE-Zubaus bis 2030 beitragen Die Ausbauziele der neuen Bundesregierung sind ambitioniert. Doch die Akzeptanz der Bürger*innen für Erzeugungsanlagen in ihrer Nähe schwindet vielerorts. Deshalb müssen nicht nur die bestehenden Förder­ instrumente überarbeitet, sondern auch neue schlagkräftige Maßnahmen eingeführt werden. Energy Sharing bietet die Chance, dass die Bürger*innen an der Energiewende teilhaben und sich finanziell beteiligen können. Investitionen in Höhe von 6,5 Milliarden Euro durch Bürger*innen wären möglich. Das Energiesystem würde so schneller dezentral und damit auch resilienter werden. 2. Neuen Marktrahmen für Energy Sharing schaffen Damit Energy Sharing im öffentlichen Netz wirtschaftlich möglich ist, muss der gesetzliche Rahmen an das geltende EU-Recht angepasst werden. So können sich EE-Gemeinschaften bilden, die gemeinsam in Anlagen investieren und den Strom verbrauchen. Ein angepasster Marktrahmen kann netzdienliches Verhalten von EE-Gemeinschaften, bei denen Stromerzeugung und -verbrauch räumlich nah beieinanderliegen, im Energiesystem stimulieren. Hierfür sollten sie eine angemessene Vergünstigung erhalten. 3. Energy Sharing muss für Bürger*innen attraktiv und unkompliziert sein Neben ideellen Motiven, die lokale Stromproduktion zu fördern, sollten auch finanzielle Anreize Energy-Sharing-Konzepte voranbringen. Verringerte Stromnebenkosten oder eine Prämienzahlung können dabei unterstützen, wirtschaftlich tragfähige Modelle zu fördern. Gleichzeitig sollte der Wechsel in eine EE-Gemeinschaft unkompliziert möglich sein. Das verringert Einstiegsbarrieren und aller Voraussicht nach auch Kosten für die Gemeinschaft. IÖW-Impulse 3 | Energy Sharing | März 2022 2 Was ist Energy Sharing? Der Begriff „Energy Sharing“ wird in der europäischen Erneuerbare-Energien-Richtli- kann, hat das Bündnis Bürgerenergie (BBEn) gemacht. Gemäß dessen Konzept2 Wie haben wir das technische Potenzial für Energy Sharing in Deutschland ermittelt? könnte neben anderen möglichen Aktivitäten eine EE-Gemeinschaft als Stromanbie- Mit einem Geografischen Informations- ter die Mitglieder im Verteilnetz mit Strom aus eigenen Erzeugungsanlagen versorgen system (GIS) werden in einem ersten und so Energy Sharing betreiben. Wenn wir im Folgenden von EE-Gemeinschaften Schritt potenzielle Standorte für die bis sprechen, sind damit EE-Gemeinschaften gemeint, die auch Energy Sharing 2030 neu zu errichtenden PV- und Windanla- betreiben. Zentral sind bei dem Ansatz die zeitgleiche Nutzung und die räumliche gen identifiziert. Kriterien für die Eignung sind, Nähe. Die maximale Distanz zwischen Verbraucher*innen und Anlagen wird noch dass sie für Windkraftanlagen nur einen gerin- diskutiert.3 Um die räumliche Nähe zu gewährleisten nehmen wir in unserer Poten­ gen bis mittleren Raumwiderstand aufweisen, zialabschätzung eine maximale Distanz von 25 km an. Wird mehr Strom benötigt bei PV-Freiflächenanlagen die Anforderungen als selbst erzeugt, bezieht die EE-Gemeinschaft diesen von anderen Elektrizitäts­ des derzeitigen EEG erfüllen und bei Dachan- versorgungsunternehmen oder kauft den Reststrom anderweitig zu. lagen eine Leistung von mindestens 100 kWp Damit Energy Sharing für EE-Gemeinschaften und Mitglieder attraktiv ist, braucht möglich ist. Kleinere Anlagen lohnen sich es finanzielle Anreize. BBEn schlägt vor, Stromnebenkosten zu verringern oder eine wegen des administrativen Aufwands und fixer Prämie zu zahlen, wenn Strom zeitgleich zur Erzeugung verbraucht wird – was Kosten, etwa für die Direktvermarktung, meist durch eine viertelstündige Energieflussmessung nachgewiesen werden kann. Die nicht für Energy Sharing. In einem zweiten Gemeinschaften könnten dann günstigere Tarife anbieten als andere Stromanbieter. Schritt wird ermittelt, ob im Umkreis von 25 km Hier gilt es aus unserer Sicht, die Vorschläge wissenschaftlich zu prüfen, inwiefern genügend Menschen leben, die den Strom aus finanzielle Erleichterungen zum Beispiel aufgrund von Netzentlastungen und damit den Anlagen abnehmen können. nie1 eingeführt, ist in Deutschland allerdings noch nicht eindeutig definiert. Einen aus unserer Sicht ersten guten Vorschlag, der bei der weiteren Ausdifferenzierung dienen eingesparter Kosten angemessen sind. Wir unterstützen die Forderung des BBEn, dass EE-Gemeinschaften allen inte- Abbildung 1 zeigt zwei Beispiele für EE-Ge- ressierten Bürger*innen offenstehen und eine Möglichkeit bieten sollten, an der meinschaften, wie sie von uns für die Ermitt- Energiewende teilzuhaben. Durch geringe Mindesteinlagen könnte die Teilnahme lung des Potenzials abgebildet wurden. an EE-Gemeinschaften auch finanzschwachen Bürger*innen ermöglicht werden, damit diese von geringeren Strombezugskosten aus Anlagen in ihrer Nähe profitieren. Diese Fragen untersuchen wir aktuell vertieft und werden unsere Analysen in einem Forschungsbericht veröffentlichen.4 Abbildung 1: Zwei Beispiele von EE-Gemeinschaften, die Energy Sharing betreiben EE-Gemeinschaft A Windenergie­anlage 25 25 km PV-Dachanlage km PV-Dachanlage EE-Gemeinschaft B PV-Freifläche PV-Freifläche Quelle: Energy-SharingKonzept in Anlehnung an BBEn (2021) IÖW-Impulse 3 | Energy Sharing | März 2022 3 Energy Sharing hat ein beachtliches Potenzial Eine Potenzialanalyse des Instituts für ökologische Wirtschaftsfor- jeweilige Gemeinschaft vor Ort nutzen wird. Die P ­ otenzialanalyse schung zeigt, dass Energy Sharing bis 2030 42 Prozent (75 GW) beruht auf der Annahme, dass EE-Gemeinschaften bilanziell ge­ des Zubaus an EE-Kapazitäten beitragen kann, den die Ausbau- nauso viel Strom produzieren, wie ziele der Bundesregierung vorsehen: Die Windenergie an Land sie verbrauchen. Hierbei wurden soll bis zum Jahr 2030 um 40 GW auf dann 100 GW ausgebaut Haushalte mit einem Strombedarf werden, Photovoltaik soll um 140 GW auf 200 GW steigen. von 2.200 kWh angesetzt, die Energy Sharing kann 42 Prozent des notwendigen EE-Zubaus bis 2030 übernehmen Raumwärme und Warmwasser Abbildung 2 zeigt, dass ein Großteil des Energy-Sharing-Poten­ nicht strombasiert erzeugen. Wird zials im PV-Segment liegt, wenngleich Windenergieanlagen pro etwa davon ausgegangen, dass installierte Leistung mehr Strom erzeugen können und ein größe­- EE-Gemeinschaften bis zu doppelt rer Anteil des Windstroms durch EE-Gemeinschaften selbst ver- so viel Strom erzeugen, wie sie ver- braucht werden kann. Das große PV-Potenzial beinhaltet sowohl brauchen, oder Haushalte zukünftig Dachanlagen als auch Freiflächenanlagen. Die gesetzlichen und durch Wärmepumpen und E-Mobilität mehr Strom verbrauchen, geografischen Rahmenbedingungen sowie die Ausgestaltung der würde sich das Potenzial nochmals erhöhen – insbesondere im finanziellen Anreize werden entscheiden, welche Technologie die PV-Segment. Abbildung 2: Welchen Anteil Energy Sharing zu den Erneuerbare-Energien-Ausbauzielen der Bundes­regierung bis 2030 in Deutschland beitragen kann Potenzial zu EE-Ausbauzielen beizutragen (in Gigawatt) Stromerzeugungspotenzial (in Terrawattstunden) 44 16 68 105 7 7 7 Windstrom: Energy-Sharing-Potenzial Solarstrom Netzeinspeisung Energy-Sharing-Potenzial Windstrom Energy-Sharing-Eigenverbrauch Restkapazität Gesamtausbauziele Solarstrom: Netzeinspeisung Quelle: Eigene Berechnung, IÖW 2022 Energy-Sharing-Eigenverbrauch IÖW-Impulse 3 | Energy Sharing | März 2022 4 Potenziell könnten fast alle volljährigen Bürger*innen Mitglied einer ihrem jeweiligen Zentrum dargestellt. Fazit: EE-­Gemeinschaften EE-Gemeinschaft werden und so direkt an der Energiewende par- können sich überall in Deutschland bilden. Dabei ist die Anzahl der tizipieren. Die erzielbare Stromerzeugung von 75 TWh entspricht Mitglieder einer EE-Gemeinschaft dem Strombedarf – jenseits von Raumwärme, Warmwasser und in bevölkerungsreichen Regio- Mobilität – von rund 34 Millionen Haushalten. Demnach könnten nen, etwa im R ­ uhrgebiet oder 90 Prozent aller Haushalte in Deutschland mit Energy-Sharing- im Umland der Metropole Berlin, Strom versorgt werden. Wird angenommen, dass Mitglieder der deutlich größer als in ländlichen EE-Gemeinschaften mindestens zwölf Prozent der Investitionskos- Regionen. Im Durchschnitt hat ten ihrer Anlagen beisteuern, ergeben sich Investitionen in Höhe eine E ­ E-Gemeinschaft 10.800 von 6,5 Milliarden Euro. Das entspricht im Durchschnitt rund Mitglieder. Das Energy-Sharing- 100 Euro pro Mitglied. Somit ermöglichen auch geringe Mitglieds­ Potenzial je Bundesland variiert in Abhängigkeit von der Anzahl der beiträge eine ­Teilnahme an einer EE-Gemeinschaft und finanzielle Bewohner*innen. Am größten ist es in den bevölkerungsreichen Eintritts­barrieren werden damit möglichst klein gehalten. Ländern Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern, (Fast) alle können bei Energy Sharing mitmachen am kleinsten in Bremen, Hamburg und Berlin. Abbildung 3 zeigt, an welchen Orten in Deutschland Energy Sharing möglich ist. Dabei werden die 25-km-Radien der EEGemeinschaften für eine bessere Übersichtlichkeit nicht ein- Energy Sharing muss für Teilnehmende attraktiv sein gezeichnet und die EE-Gemeinschaften lediglich als Punkte in Energy Sharing ist ein Instrument, das Teilhabe an der Energiewende ermöglichen und Akzeptanz fördern kann. Damit dies gelingt, muss Energy Sharing für Mitglieder von EE-Gemeinschaften finanziell attraktiv sein. Das heißt, der Strompreis für die Abbildung 3: Potenzielle Standorte von EE-Gemeinschaften und installierbare Leistung je Bundesland Mitglieder sollte geringer sein als der von anderen Grünstrom- und konventionellen Anbietern. Das kann zum Beispiel durch Reduzierung von Netzentgelten und Umlagen auf eigenverbrauchten Strom geschehen, wie es der BBEn vorschlägt. Dies würde EE-Gemeinschaften, die Windstrom nutzen, einen höheren Anreiz geben, Energy Sharing umzusetzen. Denn Simulationen mit dem IÖW-Energie-Prosumer-Modell5 zeigen: Wenn keine aktive Lastverschiebung stattfindet, werden bei PV-Anlagen 26 Prozent und bei Windenergieanlagen – aufgrund des günstigeren Erzeugungsprofils – 51 Prozent des erzeugten Stroms selbst verbraucht. Eine andere Möglichkeit besteht darin, durch Prämienzahlungen einen finanziellen Anreiz zu schaffen. Legende Anzahl der Mitglieder 1 - 5.000 5.000 - 10.000 Mehr als 10.000 Installierbare EE-Leistung pro Bundesland Anzahl der Mitglieder in den EE-Gemeinschaften 0 1 GW 1– 5.000 1 - 5 GW 5.000 –10.000 - 10 GW Mehr als5 10.000 10 - 15 GW Mehr als 15 GW pro Bundesland Installierbare EE-Leistung 0 –1 GW 1– 5 GW 5 –10 GW 10 –15 GW Mehr als 15 GW Quelle: Eigene Berechnung, IÖW 2022 IÖW-Impulse 3 | Energy Sharing | März 2022 5 Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie der Nutzen von EE- Auch unabhängig von Energy Sharing zeigen eigene Wirtschaft- Gemeinschaften vergrößert werden kann. In erster Linie gilt es, lichkeitsberechnungen verschiedener Anlagenkonstellationen, den Strom­ertrag der Anlage und den Verbrauch der Mitglieder in dass es derzeit notwendig ist, eingespeisten PV-Strom von Dach- ein optimales Verhältnis zu bringen. Dies bedeutet zweierlei: So anlagen höher zu vergüten, damit diese Anlagen wirtschaftlich be- sollte die EE-­Gemeinschaft insgesamt einen möglichst hohen Anteil trieben werden können. Hiervon würden auch EE-Gemeinschaften ihres EE-Stroms selbst verbrauchen. Zudem sollte jedes einzelne mit PV-Dachanlagen profitieren. Mitglied möglichst viel des eigenen Verbrauchs über EE-Gemeinschaftsstrom decken können. Neben der Anzahl der Mitglieder in der EE-Gemeinschaft lässt sich der Eigenverbrauchsanteil wie folgt erhöhen: 1. Gezielter Verbrauch von Strom in Zeiten hoher Erzeugung (zunehmend wichtig bei stärkerer Elektrifizierung von Wärme und Mobilität) 2. Aufnahme von gewerblichen Mitgliedern in die EE-Gemeinschaft, die zu solchen Tageszeiten Strom verbrauchen, in denen Haushaltskunden keinen Strom abnehmen 3. Stromspeicher, die es erlauben, Erzeugung und Verbrauch zu entkoppeln Darum brauchen wir Energy Sharing Um die EE-Ziele bis 2030 zu erreichen, braucht es Zubauraten in Auf EU-Ebene wurde der Stellenwert der Bürger*innen erkannt einer Höhe, die es selbst in den Hochzeiten der 2000er Jahre nach und mit der Verabschiedung der EU-Richtlinie 2018/20011 den Verabschiedung des erfolgreichen Erneuerbare-Energien-Gesetzes bisherigen Konsument*innen die neue Rolle als Prosumer*innen nicht gegeben hat. Auch wenn das EEG im Jahr 2022 mit der Absicht eingeräumt. Diese sollen damit in Zukunft im Mittelpunkt des Ener- novelliert wird, nach dem Stillstand in den letzten Jahren einen Auf- giesystems stehen, indem sie allein oder gemeinschaftlich Energie schwung zu erreichen, wird dieses Instrument allein nicht ausreichen. nicht nur verbrauchen, sondern auch erzeugen, verkaufen und handeln. Die Umsetzung der EU-Richtlinie hätte auf nationaler Ebene Forschungsergebnisse zeigen, dass mehr Beteiligung und finanzi- bis zum 30. Juni 2021 erfolgen sollen. Deutschland hat sie bislang elle Teilhabe unabdingbare Voraussetzungen für mehr Akzeptanz allerdings nur unzureichend umgesetzt, sodass Prosumer*innen vor Ort sind. Gegenwärtig fehlt allerdings ein geeigneter Rahmen, ihr Potenzial erst ansatzweise ausschöpfen können.7 Das Konzept um regionalen Strom auch lokal nutzbar zu machen und der Energy Sharing ist ein vielversprechender Ansatz. Es setzt das EU- Bevölkerung weitere Möglichkeiten der Mitwirkung zu eröffnen. Recht um, fördert den Ausbau erneuerbarer Energien, die Teilhabe Energy Sharing kann ein Instrument sein, das in Ergänzung zu der vieler Bürger*innen und die Akzeptanz. Darüber hinaus schafft gebäudebezogenen Eigenversorgung deutlich mehr Spielraum Energy Sharing Anreize, gemeinschaftlich Anlagen zu bauen, die für eine verbrauchsnahe Erzeugung in einem größeren Umkreis optimal an regionale Gegebenheiten angepasst sind und es bietet über das Verteilnetz zulässt. Als Mitglied einer EE-Gemeinschaft die Chance, netzdienlichen Verbrauch zu fördern. Die ökonomi- erfahren Bürger*innen Selbstwirksamkeit – eine wesentliche schen Implikationen und Abschätzungen zu den Auswirkungen auf ­Voraussetzung für Akzeptanz. die Stromnetze werden in einem Forschungsbericht veröffentlicht.4 6 6 IÖW-Impulse 3 | Energy Sharing | März 2022 6 Die nächsten Schritte: Rahmenbedingungen für Energy Sharing zügig etablieren 1. ENERGY SHARING ALS MULTIPLIKATOR FÜR 3. ENERGY SHARING ATTRAKTIV UND DIE ENERGIEWENDE STRATEGISCH NUTZEN UNKOMPLIZIERT AUSGESTALTEN Energy Sharing kann enorm in die Breite wirken, da das Ange- EE-Gemeinschaften sind nicht vorrangig auf Gewinnerzielung aus- bot zur Mitgliedschaft in einer EE-Gemeinschaft prinzipiell allen gerichtet. Trotzdem muss die Mitgliedschaft wirtschaftlich so at- Haushalten offensteht, unabhängig von der Wohnform. Diese traktiv sein, dass möglichst viele Menschen Teil einer EE-Gemein- Partizipation ist nicht nur auf eine finanzielle Beteiligung beschränkt, schaft werden. Eine Möglichkeit ist es, durch Reduzierung von sondern bezieht auch die direkte Versorgung mit Ökostrom aus den Netzentgelten und Umlagen auf eigenverbrauchten Strom, einen eigenen Anlagen vor Ort ein. Dies ist besonders wichtig, um eine finanziellen Anreiz zu schaffen. Dies würde EE-Gemeinschaften, breite Akzeptanz für den Ausbau erneuerbarer Energien nach dem die Windstrom nutzen, attraktiver machen als EE-Gemeinschaften Motto „meine Energie aus meiner Region” zu erreichen. Gleichzeitig mit PV-Anlagen. Denn Windenergieanlagen haben ein günstigeres wird damit privates Kapital erschlossen, das zur Finanzierung des Erzeugungsprofil, sodass deutlich mehr Strom selbst verbraucht ambitionierten Ausbaus erneuerbarer Energien dringend benötigt werden kann als bei PV-Anlagen. Eine andere Möglichkeit be- wird. Damit könnten 42 Prozent des Zubaus, den sich die Bun- steht darin, durch Prämienzahlungen einen finanziellen Anreiz zu desregierung bis 2030 als Ziel gesetzt hat, durch Beteiligung der schaffen. Hier gilt es wissenschaftlich zu prüfen, in welcher Höhe Bürger*innen finanziert werden. finanzielle Erleichterungen zum Beispiel aufgrund von Netzentlastungen und damit eingesparten Kosten angemessen sind. Diese 2. EINEN NEUEN MARKTRAHMEN FÜR Aspekte für die gesamtwirtschaftliche Bewertung von Energy ENERGY SHARING SCHAFFEN veröffentlicht.4 Die europäische Erneuerbare-Energien-Richtlinie sollte in Deutsch- Auch andere Konzepte als Energy Sharing können dazu beitragen, land zügig umgesetzt werden, damit Energy Sharing für die die EE-Ausbauziele zu erreichen. Insbesondere im kleineren Seg- Bürger*innen möglich wird. Konzepte hierfür liegen vor. Allen ment sollten Lösungen gefunden werden, die den Weiterverkauf gemeinsam ist, dass es EE-Gemeinschaften ermöglicht werden von eigenerzeugter Energie auch bei Nutzung des Verteilnetzes im muss, das Stromnetz zu nutzen. Dafür ist allerdings ein Diskurs Nahbereich ermöglichen. über die angemessene Reduzierung von Netzentgelten und Umlagen erforderlich, der auch den Aspekt der Netzdienlichkeit von EE-Gemeinschaften berücksichtigen sollte. Die Rahmenbedingungen sollten so ausgestaltet sein, dass die Mitglieder von EE-Gemeinschaften ­einen Anreiz haben, ihren Verbrauch an die Erzeugung anzupassen. Ein Mittel für die Lastverschiebung der Haushaltsstromnachfrage könnte ein Zwei-TarifModell sein, bei dem bei Fremdbezug ein höherer Tarif greift als bei Eigenversorgung. Andere Strategien, um den Eigenverbrauch zu steigern, könnten die Integration von Speichern sein oder Technologien zur Sektorenkopplung wie Wärmepumpen oder ­Elektroautos. Sharing werden noch untersucht und in einem Forschungsbericht IÖW-Impulse 3 | Energy Sharing | März 2022 Literaturempfehlungen zum Thema Bündnis Bürgerenergie e.V. (2021): Konzeptpapier Energy Sharing: Partizipation vor Ort stärken & Flexibilität aktivieren. www.buendnis-buergerenergie.de/fileadmin/user_upload/BBEn_Konzeptpapier_Energy_Sharing_Stand_vom_07.10.21.pdf IÖW, IKEM, BBH und BBHC (2020): Finanzielle Beteiligung von betroffenen Kommunen bei Planung, Bau und Betrieb von erneuerbaren Energieanlagen, Berlin. Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi). www.ioew.de/fileadmin/user_upload/BILDER_und_Downloaddateien/Publikationen/2020/FinBEE_Bericht_WEA_09092020.pdf Gährs, S., Pfeifer, L., Naber, N., Doracic, B., Knoefel (Wiesenthal), J., Hinsch, A., Assalini, S., van der Veen, R., Ljubas, D., Lulic, Z. (2020): Key technical findings and recommendations for prosumer communities. PROSEU – Prosumers for the Energy Union: Mainstreaming active participation of citizens in the energy transition (Deliverable N°5.3). https://proseu.eu/sites/default/files/Resources/PROSEU_D5.3%20Key%20technical%20findings%20and%20recommendations%20for%20prosumer%20communities.pdf Referenzen 1 Richtlinie (EU) 2018/2001 des europäischen Parlaments und des Rates vom 11. Dezember 2018 zur Förderung der Nutzung von Energie aus erneuerbaren Quellen (Neufassung). https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?qid=1575559881403&uri=CELEX:32018L2001 2 Bündnis Bürgerenergie e.V. (2021): siehe Literaturempfehlung. 3 Bundesgeschäftsstelle Energiegenossenschaften im DGRV und Bündnis Bürgerenergie e.V. (2022): Vorschlag einer Definition für Bürgerenergiegesellschaften zur Befreiung dieser Gesellschaften von Ausschreibungen. www.buendnis-buergerenergie.de/fileadmin/user_upload/20220228_Definition_Buergerenergiegesellschaft_Befreiung_ Ausschreibungen.pdf 4 Der Bericht wird im Rahmen des Projekts „Energy Sharing: Eine Potenzialanalyse“ auf dieser Website veröffentlicht: https://www.ioew.de/projekt/energy_sharing_eine_potenzialanalyse 5 IÖW: Energie-Prosumer als Schlüsselelement der Energiewende. https://www.ioew.de/klima-und-energie/ioew-prosumer-modell 6 Hübner, Gundula, Pohl, Johannes, Warode, Jan, Gotchev, Boris, Nanz. Patrizia, Ohlhorst, Dörte, Krug, Michael, Salecki, Steven, Peters, Wolfgang (2019): Naturverträgliche Energiewende – Akzeptanz und Erfahrungen vor Ort. Studie im Auftrag des BfN mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU). www.bfn.de/sites/default/files/2021-05/BfN-Broschuere_Akzeptanz_bf.pdf 7 Toporek, Marta und Laurène Provost (2020): Guidance for national transposition of new EU directives relating to renewable energy prosumers. Prosumers for the Energy Union: Mainstreaming active participation of citizens in the energy transition (Deliverable N°3.5). https://proseu.eu/sites/default/files/PROSEU_Deliverable%20D.3.5_0.pdf Danke Wir danken den Vertreter*innen des Bündnis Bürgerenergie für die hilfreiche Kommentierung dieses Papiers. Gleichwohl tragen die Autor*innen die alleinige Verantwortung für die Inhalte des Papiers. 7 INSTITUT FÜR ÖKOLOGISCHE WIRTSCHAFTSFORSCHUNG AUTOR*INNEN UND KONTAKT Dr. Astrid Aretz, astrid.aretz@ioew.de, Telefon: +49 30 884594-0 Nesrine Ouanes, nesrine.ouanes@ioew.de Jan Wiesenthal, jan.wiesenthal@ioew.de Kristian Petrick, kristian.petrick@allgreenenergies.org Prof. Dr. Bernd Hirschl, bernd.hirschl@ioew.de REDAKTION Richard Harnisch kommunikation@ioew.de FÖRDERHINWEIS Diese IÖW-Impulse entstanden im Projekt „Energy Sharing: Eine Potenzialanalyse – Gemeinschaftlich Strom im Verteilnetz erzeugen und nutzen: Eine Studie zum Umsetzungsvorschlag im Rahmen von Artikel 22 der Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU“ im Auftrag des Bündnis Bürgerenergie, Berlin. HERAUSGEBER Institut für ökologische Wirtschaftsforschung GmbH (gemeinnützig) Potsdamer Str. 105 | D-10785 Berlin +49-(0)30 - 884 59 4-0 | mailbox@ioew.de Wissenschaftlicher Geschäftsführer: Thomas Korbun Kaufmännische Geschäftsführerin: Marion Wiegand Berlin, März 2022 @ioew_de www.ioew.de
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