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Volume 20. Dezember 1930

Full text: Dienstblatt des Magistrats von Berlin (Public Domain) Issue1930 (Public Domain)

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$ 65. 
S 66. 
IV. Jugendwohlfahrt, Schwangeren- und Wochenfürsorge. 
Mitwirkung bei der Jugendwohlfahrt sowie der Schwangeren- und Wochenfürsorge. 
Das Amt kann die Kommissionen zur Mitwirkung bei der Jugendwohlfahrt sowie der Schwangeren- 
und Wochenfürsorge — insbesondere in dringenden Fällen — heranziehen. Das Nähere hierüber ist 
in den folgenden 88 66—"71 enthalten. 
Schwangeren- und Wochenfürsorge. 
Die Bewilligung der Wochenfürsorge erfolgt durch das Amt. Das Amt kann die Kommission 
beauftragen, die Hilfsbedürftigkeit der Schwangeren und Wöchnerinnen festzustellen und eine Bescheini- 
gung hierüber zu erteilen. In dringenden Fällen kann der Vorsteher eine Bescheinigung über die vor- 
läufige Übernahme der Kosten für die Hebammenhilfe bei der Entbindung oder bei Schwangerschafts- 
beschwerden ausstellen. 
Hilfsbedürftigen Schwangeren und Wöchnerinnen, die nach den Vorschriften der RVO. keinen 
Anspruch auf Wochen- oder Familienhilfe haben, ist Wochenfürsorge durch Barleistungen oder durch 
Aufnahme in eine städtische oder private Entbindungsanstalt oder nach der Entbindung durch Aufnahme 
in ein Heim für „Mutter und Kind“ zu gewähren. 
In der offenen Wochenfürsorge wird freie Entbindung, Wochengeld für die Dauer von 4 Wochen 
vor und 6 Wochen nach der Niederkunft sowie Stillgeld für 12 Wochen nach der Niederkunft gewährt. 
Daneben werden im Bedarfsfalle Kinderwäsche, Milch und sonstige Sachleistungen gegeben. 
Die Bezüge, die der Wöchnerin oder deren Ehemann aus Mitteln der öffentlichen Fürsorge, 
Arbeitslosenversicherung oder Krisenfürsorge gewährt werden, sind auf die Leistungen der Wochen- 
fürsorge nicht anzurechnen. 
Eine Wöchnerin gilt bei der Gewährung der Wochenfürsorge der Stadt Berlin als hilfsbedürftig, 
wenn ihr und ihres Ehemannes Gesamteinkommen oder, sofern sie alleinsteht, ihr eigenes Einkommen 
weniger beträgt als der 2%fache Betrag der Unterstützungsrichtsätze der gehobenen Fürsorge. Dieser 
Betrag erhöht sich für jedes vorhandene und im Haushalt befindliche Kind unter 15 Jahren um den 
2%fachen Betrag des Unterstützungsrichtsatzes für Kinder. Das neugeborene Kind bleibt bei dieser 
Berechnung außer Betracht. Zugrundezulegen ist das Nettoeinkommen (nicht das steuerpflichtige 
Bruttoeinkommen) im letzten Monat vor der Entbindung. 
Für die ersten sechs Wochen nach der Entbindung ist in der Regel Erwerbsunfähigkeit‘ an- 
zunehmen. 
Zur Vermeidung einer Trennung von Mutter und Kind soll nach Ablauf des Wochenbettes für 
die ersten sechs Wochen Aufnahme in ein Heim für „Mutter und Kind“ angestrebt werden. Trennung 
von Mutter und Kind durch Aufnahme des Kindes in städtische Pflege in dieser Zeit ist nach Möglichkeit 
zu vermeiden. 
8 67. 
Fürsorge für hilfsbedürftige Minderjährige. 
Bei der Gewährung von Unterstützungen für hilfsbedürftige Minderjährige muß dahin gestrebt 
werden, daß nicht nur der Unterhalt des Kindes sichergestellt ist, sondern daß auch die zur Erziehung 
und Erwerbsbefähigung des Kindes notwendigen, sowie in geeigneten Fällen auch die zur Berufs- 
ausbildung erforderlichen Mittel zur Verfügung stehen. | S . 
Es soll verhütet werden, daß eine Mutter, die ihre Kinder erziehen kann und will, durch die 
Fürsorge gezwungen wird, dem Erwerb nachzugehen und ihre Kinder der Fürsorge anderer zu über- 
lassen. Bei allen Anträgen auf Aufnahme von Kindern in städtische Pflege ist besonders dahin zu 
streben, daß das hilfsbedürftige Kind von seiner Mutter nicht getrennt wird. Erst wenn alle sonstigen 
Maßnahmen zur Beseitigung der Hilfsbedürftigkeit des Kindes fehlgeschlagen sind und wirtschaftliche, 
erzieherische oder gesundheitliche Gründe die Trennung des Kindes von der Familie dringend notwendig 
machen und der Erziehungsberechtigte einverstanden ist, soll das Kind in städtische Pflege genommen 
werden. In städtischer Pflege befindet sich ein Kind dann, wenn das Amt für den Lebensbedarf des 
Kindes aufkommt. Die Versorgung dieser Kinder geschieht durch Familien- oder ann T 
Die Einweisung in städtische Pflege erfolgt durch das Amt. In besonders dringen Fällen, 
wenn es nicht mehr möglich ist, eine Entscheidung des Amtes über die Aufnahme eines hilfsbedürftigen 
Minderjährigen in städtische Pflege herbeizuführen, kann der Vorsteher einen Einweisungsschein Tr 
das Waisenhaus oder das sonst für den Bezirk zuständige Aufnahmeheim erteilen. Der Vorsteher hat 
von dieser Maßnahme dem Amt sofort Kenntnis zu geben. 
8 68. 
Aufgaben des Gemeindewaisenrats. 
Das Amt kann die Kommission zur Mitarbeit bei den dem Jugendamt obliegenden Aufgaben des 
Gemeindewaisenrats heranziehen. ee 
1. Der Gemeindewaisenrat hat dem Vormundschaftsgericht die Personen vorzuschlagen, die sich im 
einzelnen Falle zum Vormund, Gegenvormund, Pfleger oder Beistand eignen.
	        
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