Path:
I. Abteilung

Full text: Karl Friedrich Schinkel / Stahl, Fritz (Public Domain)

praktische geben oder können wenigstens eine ganz unverkennbare Form geben. 
Das muß hier gesagt werden, damit man Schinkels Willen zur Determination 
nicht zu platt auffaßt. ; Do 
Es steht etwa so, daß jemand, dem man die Neue Wache im Bilde zeigte, nicht 
erraten würde, was für ein Haus das ist, daß man aber, wenn man das weiß, 
nicht nur findet, daß es den rechten Charakter hat, um die Hauptwache Berlins 
zu sein, sondern auch nichts erdenken kann, was es sonst vorstellen, keinen 
Ort, an dem es mit derselben Paßlichkeit stehen könnte. Do 
Es gehört zur Tradition, auch die Lage der Wache vor dem Grün des Kastanien- 
wäldchens zu rühmen. Darin bin ich anderer Ansicht. Der Charakter des 
Hauses würde sich auf einem steingepflasterten und steinumrahmten Platze 
reiner ansprechen. 9 
Dagegen sind die beiden Feldherrnstatuen mit ihren reich und zierlich gestalteten 
hellen Marmorsockeln sehr feinfühlig zu dem Bau gestellt, geben ihm und emp- 
fangen von ihm die hebende Wirkung des Kontrastes. a 
Schinkels Talent, seinen Bau in die Umgebung zu stellen, offenbart sich zum 
ersten Male im Bau des Schauspielhauses. Da hat er eines der schwierigsten 
Probleme dieser Art auf eine ewig wunderbare Art gelöst. 0 
Der Gendarmenmarkt, in dessen Mitte er zu bauen hatte, war eine schöne und 
fertige architektonische Platzanlage. Ein Rahmen von palaisartigen Bürger- 
häusern, die eine gemeinsame Giebellinie hatten, schloß ein Rechteck ein, an 
dessen beiden Enden die beiden Kuppelbauten Gontards standen. Das alte 
niedrige Schauspielhaus, das Schinkel zu ersetzen hatte, war gar nicht in Be- 
tracht gekommen. Er aber mußte nun ein importantes Bauwerk aufführen, das 
seiner Bestimmung nach stark in die Höhe zu gehen hatte. Theoretisch scheint 
die Lösung fast unmöglich. Aber er fand sie doch, und fand eine so voll- 
kommene, daß sein Haus gerade den Platz erst zu vollenden scheint und die 
Kuppeln höher macht, so daß es gar nicht mehr weg zu denken ist. Do 
Hier ist die Bestimmung determiniert. Theater, und mehr: Stätte edler Kunst- 
übung; daran kann niemand zweifeln, der das Haus sieht. Man hat später noch 
ausdrucksvoller sein und auch das Halbrund des Zuschauerraumes nach außen 
hervortreten lassen wollen. Aber dafür liegt eine ernsthafte Notwendigkeit 
nicht vor. Und ganz besonders nicht hier, wo ein solches Vorgehen, da auch 
andere wichtige Säle unterzubringen waren, eher Fälschung als Wahrheit 
gewesen wäre. Do 
Der Bau ist auf das natürlichste aus dem Zweck entwickelt, und die rein archi- 
tektonischen Mittel sind die schlichtesten. Die Wandflächen sind zwar sehr 
stark von Fenstern durchbrochen, aber da die Fenster sehr schlüssig sitzen 
und ihre Rahmen kaum profiliert sind, so wirken sie doch glatt und ruhig. 
Der ganze Schmuck liegt in den Proportionen. Der Rustika-Sockel und das 
Gesimse in ihrem Verhältnis zu dem zweistöckigen Baukörper; die Teilung der 
Stockwerke, die doch wieder durch die Pfeiler der Ecken, die Pilaster der Seiten- 
fronten, die jonischen Säulen der Eingangshalle zusammengehalten werden; 
die Höhe des Überbaues: das alles fügt sich zu einem Ganzen von klingendem 
Rhythmus zusammen. Hier ist die Säulenhalle nicht »vorgelegt«, die Vorder- 
14
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.