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Band 2. Februar 1889 Nr, 18

Volltext: Der Bär (Public Domain) Ausgabe 15.1889 (Public Domain)

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„Gern nehm' ich, hohe Fran, den Wein, — allein, — 
was soll uns Gold hier? — Spendet's den Armen, welche 
von der Pest noch frei sind! Das aber ist das Edelste, was 
Ihr zn thun vcrmöget, daß Ihr selber kommt; — das wird 
die Seelen stärken und erquicken; — das wird uns helfen; 
denn wahrhaft wunderthucnd wirkt die Liebe!" 
Da leuchtete es in den Augen der Gräfin. Sic bot dem 
Herrn von Rochow die Hand und sprach fest und bestimmt: 
„Ich- hab' es selber ja vergessen, >vas iH vorhin zu Eiich 
gesagt: ,Dcr Tod, — er wartet nicht!‘ — Ich gehe heut' 
nicht heim, mein Herr von Rochow, — ich bleibe hier und 
Ihne meine Pflicht! Ich danke Gott, daß ich ein Feld der 
Thätigkeit gefunden habe! Gott segne Eure Waffen, mein Herr 
Obrist, — Gott segne Alles, was Ihr thut für unser armes 
Vaterland! Lebt wohl!" 
Wie eine Lichtgestalt höheren Ursprunges stand sic auf 
dem Orte des Grauens und der Schrecken da. „Gräfin!" 
rief der Offizier leise, und seine Stimme bebte, als verbände 
er mit dem Tribute der höchsten Bewunderung zugleich die 
dringendste Warnung und die heißeste Bitte, an die Gräfin, 
ihren Entschluß aufzugeben. Sie aber sprach: 
„Ihr rieft es wiederum in meine Seele zurück, daß dieses 
Landes Herr sein Volk verlassen hat. Ich aber will an meinem 
Platze sein. Lebt wohl!" 
„Gräfin!" so flüsterte er in jenen eindringenden Tone, 
welchen nur die tiefste Empfindung dem leisen Worte zu geben 
vermag. „O denkt an Euer theures Leben!" 
„Ich stehe ganz allein, mein Herr von Rochow! Wenn 
ich im Dienst der Armen sterbe: Niemand wird mich vermissen 
oder um mich klagen!" 
„Gräfin, — Ihr irrt; — Ihr wißt cs, daß Ihr über 
ein Herz und ein Leben völlig zu gebieten habt!" — 
Da traf ihn ihr klares, freies Auge voll und tief bis in 
das Herz. Es ging durch seine Seele wie ein Schauer der 
Wonne und des höchsten Glückes. 
„Wenn dem so ist, Herr Obrist," sprach sic endlich sanft, 
„dann thut, was Ihr vermögt, zur Ehre und zum Besten 
Brandenburgs! Was ich empfinde, müßt Ihr wissen! Ich j 
werde immer glücklich sein, wenn eines Helden Liebe mich "er 
koren hat! Von dieser Stätte aber weich' ich nicht. Ihr 
auf der Schanze oder ans dem Schlachtfeld und ich hier! — 
Das ist der Weg allein zu unserm Frieden!" — 
Ein matter Ruf des Schmerzes, — die Bitte eines 
Sterbenden vielleicht um einen Tropfen Wassers, erklang von 
dem Altarraumc her. Die Gräfin von Hohenzollern eilte, 
um den Magister Rösner zu helfen. Ihr leuchtender Blick 
grüßte den Obristen noch einmal. 
„Mischet ein wenig Waffer und Wein, hohe Frau," sprach 
der Magister zu der Gräfin. „O sehet, wie Euch das Auge 
der Kraukeu dankt! 'S ist auch so eine arme, bitterarme Frau, 
wie jene Wittlvc Palmentag, bei der die Seuche ausbrach! 
Gott segne Eure güt'ge Hand! Seht, wie das Tröpflein Wein 
schon des Lebens Kräfte stärkt. Ja, bleibet hier und denkt an 
jenes Wort, das uns gebietet, nichts zu fürchten in dem Dienste 
unsrer Brüder! — Lebt wohl, Herr Obrist, und Gott schütze 
Euch' und unsere Städte!" — 
Rochow und der alte Berthold verließen das.Haus des 
Elendes und des Erbarmens. Dem starken und erprobten 
Kriegsinanne war's wie einem Träumenden. War es denn j 
Wahrheit, was diese Stunde ihm geschenkt? — War denn das 
Herz des edelsten Weibes wirklich sein Eigen geworden; — 
hatte dieselbe geheimnißvolle lind lvunderstarke Macht, welche 
ihil schon seit dem Prager Tage an die Fürstentochtcr gefesselt 
hatte, denn auch ihre Seele besiegt? — Und wenn ihm diese 
hehre Frau ihr Herz geweiht, — wie konnte sic es über sich 
gewinnen, den Tod fast aufzusuchen? — Wollte sie ihm etwa 
zeigen, lvas er selbst zu thun hätte? — War dieses Wort: 
,Jch iverde immer glücklich sein, wenn eines Helden Liebe mich 
erkoren hatp — war es ein Hinlveis auf die Zliklinft oder schloß 
dasselbe nicht vielmehr das Vergangene ab, — einem beseligenden 
Traume für alle Zeit entsagend und darum frei und ohne 
Scheu den Schleier lüftend von dem Heiligthumc der Gedanken? 
Ihr Zagen aber, ihr Bangen vor der Zukunft, — wie waren 
sie mit diesem Worte zu vereinigen? — Mußte der Obrist 
nicht wiederum zweifeln? — Doch nein! — Das wollte er 
nicht! „Nein," sprach er fest und entschlossen bei sich; „ich 
will nur an dies eine Wort mich halten, welches mich auf 
die kommenden Tage hinweist. Eine Heldin, eine hochgesinnte 
Frali tvie sic, kann nur durch den Einsatz der ungetheiltcn 
Kraft des Lebens errungen werden. Ob Tod und Verderbe» 
uns umgeben: sie hofft, und es ist an mir, diese Hoffnungen 
zli erfüllen!" — 
Wie jeden edleren Mann trieb ihn das hohe Glück, welches 
ihm zu Theil gclvordcil tvar, zur That, zu schneller und ent 
schiedener That ail. Das Schicksal der Städte Berlin und 
Kölln hatte durch die letztvergangenen Stunden noch eine 
andere Bedeutung für ihn erhalten. Die düstere, zerfallene 
Burg am südlichen Ufer der Spree und das kleine Kirchlein 
am Spandauer Thore bargen jetzt ja ein ihm so theures Leben! 
— Nein, — wie schwer es auch immer sein mochte: Berlin 
und Kölln mußten vor den Schweden gerettet werden! — 
In dem hochragenden, mit dem schönen Giebclschmuckc 
und der reichverzierten Thür versehenen Hause des alten Hof 
meisters Hans Georg von Ribbeck in der breiten Straße 
! schimmerte noch lange Zeit Licht. Der Herr von Rochow 
schrieb Briese an Schwartzenberg und an den Grafen Gallas. 
„Was uns zu thrm möglich war," so hieß es in denselben, 
„das ist geschehen, und kann ich Resolution und Valor derer 
fast exanimirten, von der Pest befallenen Bürger, tvie auf den 
Muth des versprengten Kriegsvolkes nicht genugsam loben; 
zweifle jedennoch sehr, ob es mir gelingen möchte, erneueten 
Angriffen Stand zu halten."*) Auf's Dringendste bat er dann 
den Feldmarschall Gallas, sich im Süden zwischem den Obristen 
Buttler und die Stadt Kölln zu werfen, — flehte er zugleich 
den Grafen von Schwartzenbcrg an, im Norden von Berlin 
einen Vorstoß gegen die auf der Höhe des Barnim stehenden 
Schweden zu unternehmen. „Es gilt, dem Feind mit tapferm 
Muthe zu imponieren," schloffen diese Briefe; „denn es sonst 
leicht geschehen könnte, daß, wenn erst Berlin und die kur 
fürstliche Resickontia zu Kölln gefallen, auch die Mark zn 
Brandenburg ihr Ende fände." 
Dann suchte er die Ruhe auf; allein er fand sic nicht. 
Mt dem vollen Bewußtsein all' der hohen Pflichten, welche 
die Liebe zu der Gräfin Anna Katharina ihm auferlegte, ver 
band sich ja auch die Besorgniß für sie, die jetzt als Engel 
des Erbarmens bei den Aerufften aller Welt, bei den Pest- 
*) Historische Worte.
	        
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