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„Gern nehm' ich, hohe Fran, den Wein, — allein, —
was soll uns Gold hier? — Spendet's den Armen, welche
von der Pest noch frei sind! Das aber ist das Edelste, was
Ihr zn thun vcrmöget, daß Ihr selber kommt; — das wird
die Seelen stärken und erquicken; — das wird uns helfen;
denn wahrhaft wunderthucnd wirkt die Liebe!"
Da leuchtete es in den Augen der Gräfin. Sic bot dem
Herrn von Rochow die Hand und sprach fest und bestimmt:
„Ich- hab' es selber ja vergessen, >vas iH vorhin zu Eiich
gesagt: ,Dcr Tod, — er wartet nicht!‘ — Ich gehe heut'
nicht heim, mein Herr von Rochow, — ich bleibe hier und
Ihne meine Pflicht! Ich danke Gott, daß ich ein Feld der
Thätigkeit gefunden habe! Gott segne Eure Waffen, mein Herr
Obrist, — Gott segne Alles, was Ihr thut für unser armes
Vaterland! Lebt wohl!"
Wie eine Lichtgestalt höheren Ursprunges stand sic auf
dem Orte des Grauens und der Schrecken da. „Gräfin!"
rief der Offizier leise, und seine Stimme bebte, als verbände
er mit dem Tribute der höchsten Bewunderung zugleich die
dringendste Warnung und die heißeste Bitte, an die Gräfin,
ihren Entschluß aufzugeben. Sie aber sprach:
„Ihr rieft es wiederum in meine Seele zurück, daß dieses
Landes Herr sein Volk verlassen hat. Ich aber will an meinem
Platze sein. Lebt wohl!"
„Gräfin!" so flüsterte er in jenen eindringenden Tone,
welchen nur die tiefste Empfindung dem leisen Worte zu geben
vermag. „O denkt an Euer theures Leben!"
„Ich stehe ganz allein, mein Herr von Rochow! Wenn
ich im Dienst der Armen sterbe: Niemand wird mich vermissen
oder um mich klagen!"
„Gräfin, — Ihr irrt; — Ihr wißt cs, daß Ihr über
ein Herz und ein Leben völlig zu gebieten habt!" —
Da traf ihn ihr klares, freies Auge voll und tief bis in
das Herz. Es ging durch seine Seele wie ein Schauer der
Wonne und des höchsten Glückes.
„Wenn dem so ist, Herr Obrist," sprach sic endlich sanft,
„dann thut, was Ihr vermögt, zur Ehre und zum Besten
Brandenburgs! Was ich empfinde, müßt Ihr wissen! Ich j
werde immer glücklich sein, wenn eines Helden Liebe mich "er
koren hat! Von dieser Stätte aber weich' ich nicht. Ihr
auf der Schanze oder ans dem Schlachtfeld und ich hier! —
Das ist der Weg allein zu unserm Frieden!" —
Ein matter Ruf des Schmerzes, — die Bitte eines
Sterbenden vielleicht um einen Tropfen Wassers, erklang von
dem Altarraumc her. Die Gräfin von Hohenzollern eilte,
um den Magister Rösner zu helfen. Ihr leuchtender Blick
grüßte den Obristen noch einmal.
„Mischet ein wenig Waffer und Wein, hohe Frau," sprach
der Magister zu der Gräfin. „O sehet, wie Euch das Auge
der Kraukeu dankt! 'S ist auch so eine arme, bitterarme Frau,
wie jene Wittlvc Palmentag, bei der die Seuche ausbrach!
Gott segne Eure güt'ge Hand! Seht, wie das Tröpflein Wein
schon des Lebens Kräfte stärkt. Ja, bleibet hier und denkt an
jenes Wort, das uns gebietet, nichts zu fürchten in dem Dienste
unsrer Brüder! — Lebt wohl, Herr Obrist, und Gott schütze
Euch' und unsere Städte!" —
Rochow und der alte Berthold verließen das.Haus des
Elendes und des Erbarmens. Dem starken und erprobten
Kriegsinanne war's wie einem Träumenden. War es denn j
Wahrheit, was diese Stunde ihm geschenkt? — War denn das
Herz des edelsten Weibes wirklich sein Eigen geworden; —
hatte dieselbe geheimnißvolle lind lvunderstarke Macht, welche
ihil schon seit dem Prager Tage an die Fürstentochtcr gefesselt
hatte, denn auch ihre Seele besiegt? — Und wenn ihm diese
hehre Frau ihr Herz geweiht, — wie konnte sic es über sich
gewinnen, den Tod fast aufzusuchen? — Wollte sie ihm etwa
zeigen, lvas er selbst zu thun hätte? — War dieses Wort:
,Jch iverde immer glücklich sein, wenn eines Helden Liebe mich
erkoren hatp — war es ein Hinlveis auf die Zliklinft oder schloß
dasselbe nicht vielmehr das Vergangene ab, — einem beseligenden
Traume für alle Zeit entsagend und darum frei und ohne
Scheu den Schleier lüftend von dem Heiligthumc der Gedanken?
Ihr Zagen aber, ihr Bangen vor der Zukunft, — wie waren
sie mit diesem Worte zu vereinigen? — Mußte der Obrist
nicht wiederum zweifeln? — Doch nein! — Das wollte er
nicht! „Nein," sprach er fest und entschlossen bei sich; „ich
will nur an dies eine Wort mich halten, welches mich auf
die kommenden Tage hinweist. Eine Heldin, eine hochgesinnte
Frali tvie sic, kann nur durch den Einsatz der ungetheiltcn
Kraft des Lebens errungen werden. Ob Tod und Verderbe»
uns umgeben: sie hofft, und es ist an mir, diese Hoffnungen
zli erfüllen!" —
Wie jeden edleren Mann trieb ihn das hohe Glück, welches
ihm zu Theil gclvordcil tvar, zur That, zu schneller und ent
schiedener That ail. Das Schicksal der Städte Berlin und
Kölln hatte durch die letztvergangenen Stunden noch eine
andere Bedeutung für ihn erhalten. Die düstere, zerfallene
Burg am südlichen Ufer der Spree und das kleine Kirchlein
am Spandauer Thore bargen jetzt ja ein ihm so theures Leben!
— Nein, — wie schwer es auch immer sein mochte: Berlin
und Kölln mußten vor den Schweden gerettet werden! —
In dem hochragenden, mit dem schönen Giebclschmuckc
und der reichverzierten Thür versehenen Hause des alten Hof
meisters Hans Georg von Ribbeck in der breiten Straße
! schimmerte noch lange Zeit Licht. Der Herr von Rochow
schrieb Briese an Schwartzenberg und an den Grafen Gallas.
„Was uns zu thrm möglich war," so hieß es in denselben,
„das ist geschehen, und kann ich Resolution und Valor derer
fast exanimirten, von der Pest befallenen Bürger, tvie auf den
Muth des versprengten Kriegsvolkes nicht genugsam loben;
zweifle jedennoch sehr, ob es mir gelingen möchte, erneueten
Angriffen Stand zu halten."*) Auf's Dringendste bat er dann
den Feldmarschall Gallas, sich im Süden zwischem den Obristen
Buttler und die Stadt Kölln zu werfen, — flehte er zugleich
den Grafen von Schwartzenbcrg an, im Norden von Berlin
einen Vorstoß gegen die auf der Höhe des Barnim stehenden
Schweden zu unternehmen. „Es gilt, dem Feind mit tapferm
Muthe zu imponieren," schloffen diese Briefe; „denn es sonst
leicht geschehen könnte, daß, wenn erst Berlin und die kur
fürstliche Resickontia zu Kölln gefallen, auch die Mark zn
Brandenburg ihr Ende fände."
Dann suchte er die Ruhe auf; allein er fand sic nicht.
Mt dem vollen Bewußtsein all' der hohen Pflichten, welche
die Liebe zu der Gräfin Anna Katharina ihm auferlegte, ver
band sich ja auch die Besorgniß für sie, die jetzt als Engel
des Erbarmens bei den Aerufften aller Welt, bei den Pest-
*) Historische Worte.