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I. Der Evangelisch-kirchliche Hülfsverein und der Kirchenbauverein

Full text: Die Kaiser Wilhelm-Gedächtniss-Kirche / Mirbach, Ernst von (Public Domain)

So rief man auch in Potsdam, als die Kirchensteuer verdoppelt wurde, aber Einer 
nur ist nach der Steuererhöhung ausgetreten, und zwei früher Ausgetretene kamen 
wieder zur Kirche zurück. Und hier in Berlin! Man sagt: sie werden zu Tausen⸗ 
den, zu Hunderttausenden austreten, besonders aus den arbeitenden Klassen. Das 
ist weiter nichts als ein unsinniger Schlachtruf mehr im Wahlkampf, auf die Un— 
wissenheit der Massen berechnet. Denn weit über eine Million Evangelischer in 
Berlin bezahlen keine Kirchensteuer, können daher auch deshalb aus der Kirche nicht 
austreten, und die Hauptlast der Kirchensteuer wird eigentlich nur von etwa 
20 000 Familien getragen. Daß aber von diesen 2000 nicht Viele wegen einiger 
Mark mehr Kirchensteuer austreten werden, das beweist zur Genüge, daß von ihnen 
die Millionen herkommen, welche in den letzten fünf Jahren für Kirchenbauten frei— 
wvillig geopfert worden sind. Wenn man aber trotzdem bei der nothwendigen Er— 
höhung der Kirchensteuer die kleinen Einkommen in vollstem Maße schonen wollte, 
so wäre zu überlegen, ob man eine progressive Erhöhung der Steuer eintreten lassen 
kann, etwa in der Art, 
daß die 50 000 kleinsten Einkommen (von 1500 -3000 Mark) um 5 Prozent, 
d. h. um 1,08 bis 2,60 Mark, 
die folgenden 16000 (mit 3-6000 Mark Einkommen) um 6 Prozent, d. h. 
um 8,60 bis 8,260 Mark 
zährlich erhöht würden, und so fort die höheren Einkommen um 7, 8, 9 bis 
10 Vrozent. 
Es würden dann 
die 66 000 kleinen Einkommen etwa 
die 11000 größeren. 
490 000 M 
1350 000 ⸗ 
Summa. ... 1840000 M 
Kirchensteuer ergeben, d. i. über 800 000 Mark jährlich mehr als ijetzt. 
Wir bezahlen im Allgemeinen schon viele Steuern. Wird eine nothwendige 
Erhöhung derselben vom Staate oder der Kommune verlangt, so fügen wir uns mit 
stoischem Gleichmuth, trotzdem aus den Erhöhungen eigentlich Niemandem persönlich 
besondere in die Augen springende Vortheile erwachsen. Bedenkt man aber die großen 
uns und vor Allem unsere armen und nothleidenden Nächsten direkt und perfönlich 
betreffenden Vortheile, welche der Bau von Kirchen, die Begründung von Ge— 
meinden und die sich daran knüpfende Liebesthätigkeit aller Art für das Volks— 
wohl mit sich bringen, bedenkt man, wie gerade hierin das beste, auf die Dauer 
das einzige Mittel zur Bekämpfung der sozialen Nothstände liegt, so ist zu hoffen, 
daß man immer allgemeiner den großen Werth des geringen Opfers einer Er— 
höhung der Kirchensteuer auf etwa 15—20 Prozent erkennen und sich gern dazu 
entschließen wird. 
Durch den Hinzutritt Charlottenburgs und den noch in diesem Jahre er⸗ 
folgenden Schönebergs und einzelner Theile von Wilmersdorf in den Verband der 
Stadtsynode, was dem opferbereiten Vorgehen der kirchlichen Organe Charlotten— 
ourgs zu danken ist, werden die kirchlichen Einnahmen Berlins nicht unbedeutend 
»örhöht werden.
	        
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