Path:
XII. Vaterländische und kirchliche Erinnerungstage aus 1895, 1896, 1897

Full text: Die Kaiser Wilhelm-Gedächtniss-Kirche / Mirbach, Ernst von (Public Domain)

218 
alten Fahnen beieinander seid, durchschauert eure Seele nicht ein wonnevolles 
Frinnern? Ist es euch nicht heute noch so, als ob in das Hoch des Groß— 
herzogs von Baden auch Geistergrüße eingestimmt hätten vom Kyffhäuser her 
ind von der Gruft Karls des Großen und der edeln Ottonen? Als ob mit 
der Heldengestalt des Kronprinzen alle Helden des Hohenzollerngeschlechts sich 
reigten vor Wilhelms des Ersten gottbegnadigter Majestät, als ob Luise 
jerniederstiege, ihren Sohn zu segnen, als ob der große Kurfürst und der 
große König ihre Ruhmeskränze niederlegten zu den Füßen des großen 
kaisers? ... 
Doch was wollt ihr beginnen mit dem Hochgefühl in eurer Brust? Ihr 
Männer alle, die ihr hingegangen seid und habt euer Leben gewagt oder doch 
eures Lebens beste Kraft dem Vaterlande gegeben in Rath und That, was 
wollt ihr anfangen mit der heiligen Fluth der großen Erinnerungen? Ja, was 
soll es werden mit dem gewaltigen Strome lebendigen Empfindens, der heute 
durch alle patriotischen Herzen rauscht? 
Ich weiß nur Eins. Wir gießen es dem Herrn. Wir weihen es dem 
allmächtigen Vater in dem inbrünstigen Dankgebete: „Wir hofften auf Dich, 
und da wir hofften, halfst Du uns aus“, in dem Bußbekenntniß: „Wir sind 
biel zu geringe aller Treue und aller Barmherzigkeit, die Du an Deinen 
Knechten gethan hast“ und in dem alten preußischen Schlachtgebete: „Gieb, daß 
ch thu' mit Fleiß, was mir zu thun gebühret!“ 
Denn das ist nöthig. 
Wohl sind die ersten fünfundzwanzig Jahre des neuen Reiches nicht 
bergeblich gewesen. Seine drei Kaiser haben die Krone im Sinne des Tages 
von Versailles getragen. Und die deutschen Fürsten und freien Städte 
haben in demselben Geiste zu ihnen gestanden. Unversehrt leuchtet das 
deale Bild: 
Eins nach außen, schwertgewaltig, 
Um ein hoch Panier geschaart, 
Innen reich und vielgestaltig, 
Jeder Stamm nach seiner Art 
und mit treuem Wollen und auf manchem Gebiete auch mit sichtbar gesegnetem 
Erfolge ist das Kaiserwort eingelöst: „Mehrer des Deutschen Reiches zu 
sein an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiete 
nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung.“ 
Welche Riesenaufgaben stellte aber auch und stellt noch heute die Ent— 
faltung und Erhaltung des neu Geschaffenen und wieder Gewonnenen! Und 
wvie wachsen aus dem Kampfe der Geister und Interessen immer neue, ver— 
wickelte Probleme empor! Wie schwer ist es oft, Menschen zufrieden zu stellen 
und sie ihre Sonderbestrebungen vergessen zu lassen über einem gemeinsamen 
hohen Ziele. In diesen großen Dingen genügt es nicht, etwas gewollt zu 
haben; es muß etwas geschehen. Dazu braucht man viel Kraft und Weisheit. 
hiel Treue und Selbstverleugnung und deshalb viel Gnade von oben.
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.