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VII. Die Einweihung am 1. September 1895

Full text: Die Kaiser Wilhelm-Gedächtniss-Kirche / Mirbach, Ernst von (Public Domain)

Volksschichten bethört und verführt werden und man das Andenken an die große 
Zeit verhöhnt, so ist doch auch seit Jahren noch niemals ein solcher Sturm der 
Entrüstung so allgemein und so einmüthig gegen jene Wort- und Rädelsführer los— 
gebrochen, so daß man doch Gott sei Dant erkennt, in wie weiten, sonst oft ver— 
schiedenen Kreisen treue Patrioten zu finden sind, welche, wenn es die Ehre und den 
Schutz des Thrones und des Vaterlandes gilt, fest zusammenhalten. 
Traurige Mißtöne waren in die Fest- und Freudenklänge hineingedrungen, 
welche aus Abgründen aufftiegen, in welchen finstere Mächte ihr freventliches Spiel 
treiben und ihren Einfluß auf weite Volksschichten ausüben. Es scheint oft, als 
ob man unserer Zeit ein „Landgraf werde hart!“ zurufen müßte. Denn gegen diese 
Mächte ist Milde und Nachgeben ein Fehler, sie müssen mit Energie unterdrückt 
werden. Aber fast noch betrübender war es, daß die wüthenden Ausbrüche zu 
nicht geringem Theil die Ernte von dem waren, was Jahre lang ein Theil der 
christlich-sozialen Partei und ihre Presse ausgesät hatten. Der Grund dazu lag 
darin, daß sich von dem für Berlin sich immer schädlicher gestalteten Treiben 
dieser Partei mehr und mehr alle Besonnenen und Gemäßigten still zurückzogen 
und ohne diese Partei, in versöhnlicher, alle Kreise und Stände umfassenden 
Liebesarbeit große Erfolge erzielten. Sie fühlte dadurch den Boden unter ihren 
Füßen wanken und richtete Spott und Verdächtigung gegen alle unter dem 
Königshause, den kirchlichen Behörden und dem Wirken des Evangelisch-dirch— 
lichen Hülfsvereins und des Kirchenbau-Vereins erblühenden Arbeiten. Da 
war es natürlich, daß sie an das schönste Werk der gemeinsamen Liebesarbeit, die 
Kaiser Wilhelm-Gedächtniß-Kirche, am meisten ihre zersetzende Kritik anlegte. In 
Rücksicht darauf, daß die Kirche ein National-Denkmal sei, hatte das große Komitee 
auf Grund ausgesprochener Wünsche beschlossen, Gaben aller Bürger ohne Unter— 
schied der Konfession anzunehmen, und so waren von einigen wenigen nichtevangelischen 
Patrioten im Ganzen etwa 74 000 Mark, und zwar etwa 55 000 Mark von Katho— 
liken und etwa 19000 Mark von Juden, gespendet, eine Summe, welche bei den 
etwa 25 Millionen für Kirchenbauten überhaupt und den etwa 312 Millionen für 
die Kaiser Wilhelm-Gedächtniß-Kirche verschwindend klein war. Aber das diente 
jener Partei und ihren Leuten und der ihr verwandten antisemitischen Presse als 
Vorwand, um eine demagogische Juden- und Christenhetze gleichzeitig zu betreiben 
und Jahre lang zu verbreiten, daß die meisten Mittel für alle Kirchenbauten von 
Juden erlangt wären für allerhand Konzessionen auf politischem, kirchlichem und 
sozialem Gebiete. Sogar die Einweihung der Kaiser Wilhelm-Gedächtniß-Kirche 
wurde zu solchen Angriffen benutzt. Bezeichnend dafür sagte ein hochverehrter 
Greis: „Weun man einen Güterzug voll Lügen durch die Welt fahren will, muß 
maäan eine Lokomotive mit einem Körnchen von Wahrheit davor spannen.“ Dabei 
führen diese Gegner christliche Liebe, Königstreue und Vaterlandsliebe im Munde 
und verwirren viele patriotisch und kirchlich Gesinnte; sie schrecken nicht davor zurück, 
selbst das Königshaus anzutasten und nennen Streber, Schmeichler, Byzantiner 
Jeden, welcher treu zu seinem Königshause steht. So liefern sie Jahr aus Jahr 
ein den sozialdemokratischen, den ultramontanen und den französischen Blättern 
Material zu niedriger Verdächtigung der höchsten Behörden und vieler hochaestellter
	        
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