Path:
Das Vorbild des Don Quijote. Von E. Gessner

Full text: Festschrift zur Feier des 200jährigen Bestehens des Königlichen Französischen Gymnasiums / Grünwald, Eugen (Public Domain)

{LE 
Schmerz versenkt beschliesst Amadis die Welt zu fliehen und sich 
in die Einsamkeit zu vergraben. Er entfernt sich heimlich von 
seinem treuen Knappen, während dieser schläft, und sucht den 
wildesten und unwegsamsten Teil des Waldgebirges auf. Nach einiger 
Zeit trifft er einen Einsiedler, beichtet diesem und besteht darauf 
mit ihm die geringe Zeit, die er noch zu leben habe, in der Einsam- 
keit zu verbringen. So kommen sie denn zu dem »armen Felsen«, 
der sieben Meilen im Meere liegt und wo er unter dem Namen 
Beltenebros sein trauriges Büsserleben führt, bis nach Aufklärung 
jenes unseligen Missverständnisses Oriana ihm ihre Liebe wieder 
zuwendet und ihn so dem Leben wiedergiebt. Das leuchtende 
Beispiel dieser erhabenen Busse war dem Geiste Don Quijotes tief 
eingeprägt; er sah darin eine Grossthat sondergleichen, deren Nach- 
ahmung ihm in allen Ländern des Erdkreises ewigen Namen und 
Ruhm einbringen musste (D. Q. I, 25). So unterzicht er sich 
denn in dem wildesten Teile der Sierra Morena jener wunderbaren 
Bussübung, die von Cervantes in so possierlicher Weise (I, 25, 26) 
geschildert wird. Zwar war nicht der allerentfernteste Grund dazu 
vorhanden und die unvergleichliche Dulcinea hatte Don Quijote 
auch nicht den leisesten Anlass zur Klage gegeben; aber seinem 
Geiste schwebte vor allem das Erhabene der That und der an sie 
sich knüpfende höchste Ruhm vor, und so konnte er sein Vor- 
haben wohl mit dem subtilen Gedanken stützen, dass schon die 
blosse Abwesenheit von der Geliebten die strenge Busse rechtfertige. 
Das Bild, welches soeben in einigen flüchtigen Umrissen von der 
reinen und innigen Liebe des fahrenden Ritters nach dem Verhältnis 
zwischen Amadis und Oriana entworfen worden ist, würde unvoll- 
ständig bleiben, wenn ihm nicht noch ein schönster Zug hinzugefügt 
würde, die unwandelbare Treue, mit welcher der Ritter der Gebieterin 
seines Herzens ergeben ist. Wer dächte hierbei nicht an die uner- 
schütterliche Herrschaft, welche die unvergleichliche Dulcinea über 
Don Quijote ausübt? Überall ist er bereit Hilfe suchenden Frauen 
den Beistand seines unbezwinglichen Armes zu gewähren; aber sobald 
er fürchtet, das Herz der Dame könne seiner ritterlichen Person 
gegenüber schwach werden, erklärt er auf das feierlichste, wenn auch 
mit der zartesten Schonung der heissen Empfindung, welche die 
liebeskranke Frau ergriffen hat, dass seine Liebe nur der Kinen, der 
Unvergleichlichen gehöre, die er vom ersten Augenblick, wo er sie
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.