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Das Vorbild des Don Quijote. Von E. Gessner

Full text: Festschrift zur Feier des 200jährigen Bestehens des Königlichen Französischen Gymnasiums / Grünwald, Eugen (Public Domain)

irgend einer vornehmen und wunderschönen Dame ein, zu deren 
Ruhme er die gewaltigsten, über jedes mögliche Mass weit hinaus- 
gehenden Thaten vollführt. Allein auch die Liebe, gewiss ein Anreiz 
zu rühmlichem Thun, wird, wie alles in diesen Büchern, zur 
Karrikatur; sie ist nicht mehr die reine und natürliche Empfindung 
des Herzens; entweder sinkt sie zu grober Sinnlichkeit herab, oder 
sie artet bald zu albernem, in überschwänglichen Worten sich kund- 
gebenden Sehnen und Schmachten, bel" zu einem raffinierten und 
gekünstelten Verstandesspiel aus. Alle diess Züge der Unnatur zeigen 
sich schon deutlich im Amadis, noch unverhüllter und gröber treten 
sie in seinen N :-hfolgern hervor; sie sind es, die schliesslich diese 
ganze Litteratu - einer so verderblichen gemacht haben. 
Denn in d&" "” ar Einfluss dieser massenhaft vorhandenen, 
in allen Klassen verbreiteten und mit Gier verschlungenen 
Ritterhücher musst - mnst Cefahr für den moralischen Stand 
der Nation werden. .Xon- u“ Jer einen Seite der Amadis zunächst 
als ein Spiegel feiner Sit: heldc:* ıfter Tapferkeit und eines edlen, 
auf Abwendung jeglichen Unrechts und auf den Schutz der Bedrängten 
gerichteten Sinnes gelten, so enthic! <=». 2ı0n er selbst und ungleich 
mehr die auf ihm fussenden Zerrhii?.- —.tertums sehr schlimme 
und zahlreiche Keime eines unhei” 1! ”* 9Qusses. Wie konnte es 
ausbleiben, dass die leichtfertige Au’ = der Liebe, die Schilderung 
ehebrecherischer Verhältnisse, die bli:c. Unterwerfung unter weibliche 
Launen eine bedenkliche Einwirkung auf die Ideen des Volkes aus- 
übten? Wie hätte das durch kein bürgerliches Gesetz gebundene, 
nur durch den eignen Willen bestimmte Handeln der Helden jener 
Romane nicht die Grundsätze der Gewaltthätigkeit lehren und zur 
Verachtung der gesellschaftlichen Einrichtungen führen sollen? 
Mussten nicht die dem fahrenden Ritter angedichteten Thaten der 
ohnehin leicht erregbaren Phantasie und dem abenteuernden Sinne 
des Volkes eine um so gefährlichere Nahrung werden, als die wirklich 
oft an das Wunderbare streifenden Thaten der Konquistadoren dem 
Glauben an jene fabelhaften Heldenstücke den Weg öffneten? Denn 
so unglaublich es auch klingen mag, die unsinnigen Dinge, die in 
den Ritterbüchern berichtet werden, wurden von einem guten Teile 
der Ungebildeten buchstäblich für bare Münze genommen. So sagt 
Mexia, der Geschichtschreiber Karls des Fünften, bei Erwähnung 
des Amadis und anderer Ritterromane: »Ihre Verfasser verschwenden
	        
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