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Die soziale Tendenz in George Eliots Schriften

Full text: Festschrift zum einhundertfünfzigjährigen Bestehen des Königlichen Realgymnasiums zu Berlin (Public Domain)

Ist somit die Glaubenslosigkeit, die intellektuelle und moralische Anarchie der Grund 
des sozialen Übels, so besteht das Problem darin, eine innere Harmonie herzustellen, eine 
Einheit des Denkens, Fühlens und Handelns. Eine solche Einheit ist nach Comte’s Ansicht nur 
möglich auf Grundlage des Altruismus. Jede Art gesellschaftlicher Zusammenfassung von Menschen 
setzt eine gewisse Selbstaufopferung von seiten des Einzelnen voraus. Schon die allereinfachsten 
sozialen Erscheinungen sind bedingt durch Unterordnung egoistischer Triebe unter soziale oder 
sympathetische. Auf der Unterordnung des Egoismus unter den Altruismus, der Selbstsucht unter 
lie Liebe beruht num im Grunde die Möglichkeit einer sozialen Harmonie. Sie besteht darin, 
dafs das Denken und Fühlen der Individuen einem aufser ihnen liegenden Zwecke untergeordnet 
wird, dessen Kenntnis aus dem Studium der gesamten Daseinserscheinungen hervorgeht. Somit 
sind die Wissenschaften nicht Selbstzweck, sondern sie ordnen sich einem höheren Zwecke unter, 
innere Einheit ist also bedingt von der Unterordnung der Analyse unter die Synthese. Die ge- 
zsamte Menschheit nun stellt sich dar als ein in beständiger Entwicklung befindlicher Organismus, 
4er allen Gesetzen unterliegt, die von den Wissenschaften aufgestellt worden sind. Alle Gesetze, 
welche auf die Gesellschaft Bezug haben, zusammengefafst, bezeichnet Comte als Ordnung. Jede 
planmäfsige Einwirkung zum Zweck der Fortentwicklung des Organismus mufs sich naturgemäfs 
diesen Gesetzen anpassen, das heifst, es muls sich der Fortschritt der Ordnung unterordnen. 
“Die Unterordnung des Fortschritts unter die Ordnung, der Analyse unter die Synthese, der 
Selbstsucht unter die Liebe; dies sind die drei Arten, die praktische, die theoretische und die 
sthische, das Problem des menschlichen Lebens zu beschreiben, welches in der Erreichung einer 
Aauernden und vollständigen Einheit besteht. Es sind drei Wege, um ein und dieselbe Frage 
aufzustellen, entsprechend den drei Seiten unserer Natur: Thätigkeit, Verstand, Gefühl. So ab- 
hängig sind dieselben von einander, dafs die drei Seiten des Problems nicht nur verbunden, 
sondern identisch sind. "Trotzdem behauptet das letzte der drei den Vorrang, da es allein die 
Quelle berührt, wo die Lösung zu finden ist. Denn Ordnung setzt Liebe voraus; Synthese ist 
unmöglich außer als Ergebnis von Sympathie. Infolgedessen sind Einheit im Denken und 
Handeln unmöglich ohne Einheit im Fühlen. Daher ist Religion wichtiger als Philosophie und 
Politik. In letzter Linie kann man daher sagen, dafs das Problem des Lebens darin 
besteht, Einklang in unsere Gefühle zu bringen durch Erweiterung der sozialen 
und Unterordnung der selbstsüchtigen. Damit ist auch die Unterordnung der Veränderung, 
les Fortschritts, unter das Bestehende, die Ordnung, und der Einzelforschung unter die weiten 
Auffassungen des Ganzen gegeben.“') 
Genau so falst George Eliot das Problem. Zahllose Stellen in ihren Schriften sprechen 
cs aus, jedes einzelne ihrer Werke predigt es, dafs die Aufgabe ist “Erweiterung unserer Sym- 
pathieon (extension of our sympathies), Unterordnung der selbstsüchtigen Triebe.“ In der Liebe, 
der Selbstaufopferung sieht sie das Leben und das Wesen unserer Weisheit (human sympathies 
which are the very life and substance of our wisdom.?) Nicht Vernachlässigung der intellektuellen 
Entwicklung, sondern eine möglichst hohe Ausbildung aller unserer Fähigkeiten ist nötig, um zu 
dem wahrhaft religiösen, dem synthetischen Zustande zu gelangen. ‘The free and diligent exertion 
of the intellect, instead of being a sin, is part of their (men’s) responsibility.” ‘Right and Reason 
are synonymous — the fundamental faitlı for man is faith in the result of a brave, honest and 
stendy use of all his faculties.’?) Abstraktionen allein können keine gesunde Moral begründen. 
1) Synthüse subijcetive, Preface, zitiert bei von Schulze-Gävernitz a. a. O, 11, pg. 41. 2) Romola, pg. 175 
3\ Kssays, pe. 164.
	        
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