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Viertes Kapitel. Der Uebergang vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert. Der Kampf des alten und neuen Geistes. Andreas Jakob Heckers Wirken an der Dreifaltigkeits-Kirche. Schleiermachers epochemachendes Auftreten in Berlin

Full text: Geschichte der Dreifaltigkeits-Kirche zu Berlin / Lommatzsch, Siegfried (Public Domain)

Kirchlicher und sittlicher Zustand Berlins. 
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der Vertreter der theologischen Wissenschaft, ohne jede historische Vermittlung mit den Re— 
gierungsgrundsätzen Friedrichs des Großen, entsprang diese Maßregel dem Kopfe eines 
Ministers, dessen eigenes Leben keinen Beweis für das Verständnis religiöser Charakter— 
festigkeit und wahrer Frömmigkeit geliefert hat. 
Die Berliner Aufklärung konnte durch dieses Edikt nur an Stärke und Kraft ge— 
winnen. Die praktische Durchführung desselben und die Beseitigung des sich regenden 
Widerstandes verlangte eine Reihe von gesetzlichen Maßregeln, welche die Opposition zu leb⸗ 
haftem Kampfe geradezu aufforderte. Die Schwäche des ministeriellen Standpunktes verstärkte 
sich namentlich in Berlin durch das sittliche Aergernis, welches vom Hofe ausging, so daß 
die Berliner Aufklärung mit ihrer Unkirchlichkeit jetzt das Gefühl einer sittlichen Berech— 
tigung gewann, das allein durch die Macht der Staatskirche wohl niemals hätte gebrochen 
werden können. In der wissenschaftlichen Welt mußte die Maßregelung des weit und breit 
berühmten Philosophen Kant, wegen dessen Schrift „Religion innerhalb der Grenzen der 
bloßen Vernunft“ das kirchliche Interesse vollends beseitigen. Von großem Einflusse war 
die neologische, von Nicolai seit 1765 in Berlin herausgegebene „Allgemeine deutsche Bi— 
bliothek“, deren Redaktion 1792 aus Rücksicht auf die Heuchler, wie es hieß, an Bohne in 
Hamburg abgetreten wurde, bis ersterer das Werk von 18000—1805 wieder als „Neue 
deutsche allgemeine Bibliothek“ fortsetzte. Sie konnte sich nun im Kampfe des gesunden 
Menschenverstandes gegen allen Aberglauben, wie gegen alle tiefere Bildung mit scheinbarer 
Berechtigung immer mehr verhärten. Nicht weniger Nahrung erhielt durch die Wöllnersche 
Periode die im Jahre 1783 gegründete „Berlinische Monatsschrift“ von Gedike und 
Biester in ihrem Kampfe gegen Aberglauben, Schwärmerei, Heuchelei und Jesuitismus. 
Und wie zuversichtlich der Unglaube damals auftrat, ersieht man ans Biesters Aeußerung: 
der Name Jesus müsse im gebildeten Europa nach 25 oder 50 Jahren religiös garnicht 
mehr genannt werden.“) 
Auf der anderen Seite wurden gerade die besseren Elemente, die in einem doch nicht 
zanz unfruchtbaren Kampfe mit der Religionslosigkeit standen, durch die neue Gesetzgebung 
gelähmt oder beseitigt. Der edle Propst Spalding, dessen für Berlin segensreiche Thätig— 
keit keinem Zweifel unterliegt, entsagte infolge des Wöllnerschen Ediktes der Kanzel, die er 
freilich wegen körperlicher Schwäche schon nicht mehr regelmäßig betrat, vollständig. Am 
empfindlichsten wurde Propst Teller gekränkt und in seiner Wirksamkeit geschädigt, indem 
Wöllner ihn ganz besonders seine Ungunst erfahren ließ. Im Jahre 1792 wurde er auf 
drei Monate suspendiert und mußte sein Gehalt an das Irrenhaus abliefern. Da ist es er— 
klärlich, daß er in seiner Schrift „Religion der Vollkommenen“ den Rat giebt, daß derjenige, 
welchem die Religion Herzenssache sei, in einer Staatskirche so wenig wie möglich über 
Dogmen predigen solle. So wurden die Geistlichen von dem positiven Zusammenhange 
mit der Kirchenlehre innerlich gleichsam systematisch abgedrängt.“) Abgesetzt wurde in 
Berlin unter Wöllner nur ein Prediger Stork, doch mehr wegen grober Unsittlichkeit als 
wegen seiner Lehre. Eine wirkliche Säuberung des geistlichen Standes fand überhaupt nicht
	        
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