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Sechstes Kapitel. Tod Friedrich Wilhelms III. Die Geschichte der Dreifaltigkeits-Kirche unter der Regierung Friedrich Wilhelms IV. und Wilhelms I. Das Jahr 1848. Kober, Fr. Wilh. Krummacher, Pank. Entwicklung der Kirchen-Verfassung. Jüngste Vergangenheit. Schluß

Full text: Geschichte der Dreifaltigkeits-Kirche zu Berlin / Lommatzsch, Siegfried (Public Domain)

Die Revolution von 1818 und die kirchlichen Verhältnisse Berlins 
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vom Auslande her zur rechten Zeit und in friedlicherer Weise den Weg immer nur theore⸗ 
tisch behandelter Reformen praktisch zu betreten. Der beklagenswerte Aufstand in Berlin am 
18. Maͤrz dieses Jahres ist in derselben Weise zu beurteilen. Er vollzog sich auch unter äußeren 
Einflüssen. Nicht nur die Regierung wurde durch ihn überrascht, sondern die Berliner 
Bevölkerung nicht minder. Eine blutige Empörung war in den Kreisen der Büuͤrgerschaft 
nirgends vorher geptant, so groß anch die politische Unzufriedenheit damals gewesen sein 
mochte. Bei den Anhäufungen von Militär einerseits und von Menschenmassen aus dem 
Bürgerstande andererseits, die bei höchst mangelhaften polizeilichen Einrichtungen schon 
seit mehreren Tagen, unter politischer Erhitzung der Gemüter in Berlin, stattfanden, konnte 
man aber ein schließliches Handgemenge als eine Naturnotwendigkeit betrachten. War 
freilich erst ein Kampf entfacht, in welchem auch die Unschuldigen gereizt werden mußten, 
ließ sich der Verlauf schwer übersehen. Man hat es sehr leicht, heutigen Tages weise 
Lehren aufzustellen, wie man sich damals hätte benehmen sollen. Daher auch L. von Ranke mit 
Zurückhaltung urteilt: „Es bleibe dahin gestellt, ob König Friedrich Wilhelm dem Sturm des 
18. März nicht besser hätte widerstehen sollen“. Und, fügt derselbe hinzu: „Er (der König) 
hat dem Verfasser dieser Zeilen später oft gefagt: „„Damals lagen wir alle auf dem Bauche.““*) 
So war auch der Ausbruch des Kampfes gerade am 18. März für die meisten gebildeten Ber— 
liner unerklärlich, da er geschah, nachdem der König die umfassendsten politischen Bewilligungen 
gemacht hatte. Vom Standpunkte der liberalen Partei aus konnte man ihn sogar als eine 
ungeheuere Dummheit betrachten, weil durch einen ungewissen Kampf sicher Errungenes nur 
in Frage gestellt werden mußte. Daher ließ sich auch die Meinung hören, die ganze 
Emeute sei auf eine Anstiftung der politischen und militärischen Reaktion zurückzuführen. 
Die Entstehung der Straßen-Kämpfe am 18. März, wie ihr plötzlicher Abbruch sind bis 
heute noch nicht genügend aufgeklärt. So viel ist aber sicher, daß im allgemeinen die 
Ansicht in Berlin vorherrschte, daß sich die bürgerlichen Gegner der Truppen, die Barrikaden— 
Kämpfer, im Zustande der Notwehr gegen militärische Uebergrisse befunden hätten. Daher 
es noch kein Beweis der Anerkennnng revolutionärer Prinzipien war, wenn sich in den 
folgenden Tagen aufrichtige Teilnahme und lebhafte Sympathieen mit den im angeblichen 
Kampfe für bürgerliches Wohl Gefallenen in den verschiedensten Kreisen Berlins verbreiteten. 
Nahm doch der König selbst eine solche Haltung ein, daß er, wie obiger Historiker aus— 
drücklich sagt, „die Volksbewegung gleichsam anerkannte,“““) also Anlaß genug gab, das 
Vorgehen des Militärs als ein im Grunde nicht gerechtfertigtes zu beurteilen. 
Hiernach sind nun auch die kirchlichen und religiösen Momente abzuschätzen, die in 
jener revolutionären Zeit für Berlin in Frage kommen. Man darf aus einer augenblick— 
lich sympathischen Stellung zur revolutionären Bewegung auf bewußten Unglauben und 
Unchristentum als treibendes Motiv um so weuiger schtießen, als doch der König selbst 
hier voranging. Ebenso wenig war aber eine strengere konservative und antirevolutionäre 
Haltung, wie sie in kleineren Kreisen, namentlich auch nur bei einer geringen Jahl der 
Berliner Geistlichkeit zu Tage trat, reiner Ausfluß der christlichen Unterwerfung unter die
	        
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