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Sechstes Kapitel. Tod Friedrich Wilhelms III. Die Geschichte der Dreifaltigkeits-Kirche unter der Regierung Friedrich Wilhelms IV. und Wilhelms I. Das Jahr 1848. Kober, Fr. Wilh. Krummacher, Pank. Entwicklung der Kirchen-Verfassung. Jüngste Vergangenheit. Schluß

Full text: Geschichte der Dreifaltigkeits-Kirche zu Berlin / Lommatzsch, Siegfried (Public Domain)

Friedrich Wilhelin Krummachc— 
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vrrausgebornes, in Gottes Wort gefaßtes und gebundenes Zeugnis von dem Heil in Christo, 
tihlches die Erbauung der Gemeinde auf dem Grunde der Apostel und Propheten, da Jesus 
Christus der Ccstein ist, zu seinem Zweck hat,“ sein.') Man kann aber nicht sagen, daß 
seine Predigten jenem pädagogischen Gesichtspunkte große Rechnung trugen, namentlich nicht 
in Berlin, denn er bringt doch wesentlich die Eigenart der Predigt mit, die er sich im 
Wupperthal gebildet, und denen seine Berliner Erfahrungen keinen neuen einheitlichen 
Standpunkt entgegenstellen konnten. Denn was er in seinem mannichfaltigen persönlichen 
Verkehr hier erlebte, konnte ihm kein deutliches Bild von dem Bedürfnis der Gemeinde 
gewähren. Daß indessen die rheinische Art zu predigen von der in Berlin auch in rechtgläu— 
bigen Kreisen üblichen wesentlich abweicht, das hat er selbst empfunden und ausgesprochen.?) 
Der rheinisch-reformierten Tradition, die Krummacher mitbrachte, entsprach es, nicht nur biblisch, 
sondern ganz vornehmlich alttestamentlich zu predigen, was aber in dem Umfange, wie 
er es that, keiner der bekannten Berliner Richtungen entsprach, am wenigsten der rationa— 
listischen und lutherisch-pietistischen. Er faßte auch das alte Testament nicht als ein ge— 
lehrter oder sich streng an den Text haltender geschichtlicher Ausleger, sondern als ein 
Dichter auf, der die biblische Lehre immer in plastischen Gestalten und in durchaus frei er— 
fundenen Situationen für die religiöse Phantasie unmittelbar anschaulich zu machen suchte 
und wirklich auch anschaulich gemacht hat. In derselben Weise hat er in mehreren episch-erbau— 
lichen Schriften die Charaktere eines Elias, Elisa und David behandelt. Diese persönliche 
Freiheit der Behandlung stellt allerdings den Prediger, wie den Hörer nicht eigentlich unter 
die Lehre und Zucht des Wortes Gottes, sondern es wird in ihm das schon vorhandene christ— 
Bewußtsein lebendig gemacht, und die Uebereinstimmung desselben mit der H. Schrift 
rt. Krummachers hinreißende Fähigkeit im Schildern versetzte die Hörer gleichsam 
heute elbar in die Zeit der alttestamentlichen Frommen, die er ihnen vorführte, als 
Weůn sie mit letzteren lebten und fühlten. Und da gerade das alte Testament hinreichenden 
Anlaß zur Bußpredigt bietet, so benutzte er es auch zu erschütternden Schilderungen einer 
leibhaftig vor Augen stehenden Sünde mit ihren unheilvollen Folgen. Allein so begeistert 
auch viele Hörer von diesen Predigten waren, derjenige, der in den Grundvoraussetzungen nicht 
schon mit dem Redner übereinstimmte, oder mit sich selbst nicht völlig im Klaren über sie war, 
konnte das ganze auch als ein Haschen nach äußeren Effekten empfinden. Und daß Krummacher 
nicht selten in Spielereien und Geschmacklosigkeiten verfiel, gaben auch seine Freunde zu. Ueber— 
haupt lag in der überraschend stark hervortretenden poetisch-rhetorischen Form der Predigt bei 
letzterem die Gefahr, daß ihre ästhetische Wirkung der sittlichen Bedeutung des Wortes Gottes 
Eintracht that, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß einer sich an das Schriftwort an— 
schließenden Aesthetik, wie er sie vertrat, eine veredelnde Kraft nie ganz fehlt. Jedenfalls ha⸗ 
ben wir hier einen Prediger, der von der Art Schleiermachers und Marheinekes so weit als 
irgend möglich abwich, so daß sich die Dreifaltigkeits Gemeinde nicht so leicht in seine Auffas— 
sungsweise finden konnte. Ohne Eindruck konnten jedoch seine Predigten im allgemeiuen nicht 
sein, denn ihm stand eine großartige rhetorische Begabung zu Gebote. Konnte er doch die
	        
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