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Fünftes Kapitel. Die Geschichte der Dreifaltigkeits-Kirche vom Jahre 1809 bis 1840, Schleiermacher und Marheineke als Geistliche an derselben. Kirchliche Verfassungsfragen. Union und Agende. Jubiläum der Dreifaltigkeits-Kirche und der Reformation in Berlin

Full text: Geschichte der Dreifaltigkeits-Kirche zu Berlin / Lommatzsch, Siegfried (Public Domain)

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Fünftes Kapitel. 
Frage nach einem definitiven Unions-Ritus vorgreifen, noch überhaupt die Notwendigkeit 
einer Einheit in der dogmatischen Erklärung des Abendmahles oder einer die individuellen 
Bedürfnisse der einzelnen Gemeinden mißachtenden liturgischen Uniformität begründen 
folle. Dafür aber, daß man sein lutherisches oder reformiertes Bekenntnis getrost mit in 
die Kultus-Union hineinnehmen könne, und daß eine Änderung des Bekenntnisses also von 
der Synode nicht im geringsten beabsichtigt sei, beruft sich die Erklärung auf das Beispiel 
der Brüder-Gemeinde.?) 
Am 30. Oktober, welchen Tag der König bestimmt hatte, fand die erhebende refor— 
matorische Abendmahlsfeier in der neu hergestellten Nikolai-Kirche statt. Nicht nur 63 
Berliner Geistliche, denen sich auch die französischen Pastoren angeschlossen hatten, nahmen 
daran teil, sondern auch sämtliche Doktoren und Professoren der Theologie von der Univer— 
iität, die Mitglieder des Konsistoriums, viele hohe Staatsbeamte, die Direktoren und Lehrer 
der Gymnasien, der Magistrat, die Stadtverordneten und Bezirksvorsteher. Vor dem Altar 
reichten sich die theologischen Kollegen, der reformierte Schleiermacher und der lutherische 
Marheineke die Hand. Diese Beteiligung läßt keinen Zweifel mehr darüber bestehen, daß 
Berlin für die Union vollkommen reif war. Man kann es indessen verstehen, daß das 
Werk von dem Standpunkte anderer evangelischer Kirchen aus auf Mißverständnisse und 
abfällige Beurteilung stieß, da die preußische Landeskirche ihre eigenartige Entwicklung 
gehabt hat. Von den Angriffen, welche dieses Friedenswerk sofort von nicht preußischen 
Lutheranern erfuhr, nennen wir die Thesen des berühmten Pastors Claus Harms in Kiel 
und deren Verteidigung seitens des Hofpredigers Ammon in Dresden, weil sich gerade 
Schleiermacher zum Vertreter der Union diesen Anfeindungen gegenüber berufen fühlte. In 
einer meisterhaften, den Unionsgedanken maͤchtig fördernden Streitschrift hat er diese Auf— 
gabe erfüllt. Beide Gegner gehörten sehr verschiedenen Lagern an. Ammon war Rationalist, 
während Claus Harms sich mit seinen 95 Thesen gleichsam an die Stelle Luthers setzte. 
Schleiermacher zeigte sich über Ammon, der selbst früher die Union empfohlen hatte, entrüstet, 
während er Harms persönlich hochachtete. In seiner Streitschrift faßte er jedoch beide Gegner 
so geschickt zusammen, daß gerade durch den Kontrast derselben die angefochtene Sache gewann 
und der immer mit Achtung behandelte Harms selbst bedenklich über die Bundesgenossenschaft 
wurde, in die er geraten war. Entstand hierdurch zwar zwischen Schleiermacher und Harms 
zine unvermeidliche Verstimmung, so ist sie doch mit der Zeit wieder ausgeglichen, so daß die 
breußische Regierung sogar den Versuch machen konnte, letzteren nach Schleiermachers Tode 
an die Dreifaltigkeits-Kirche zu berufen. Leider wurde Harms nicht gewonnen, da er doch 
Bedenken trug, in eine unierte Landeskirche überzutreten.“) 
Für die Entwicklung der Union war es indessen ein folgenschwerer Uebelstand, daß der 
König sie zwar nicht auf ein nen hergestelltes theologisches Bekenntnis gründete, wohl aber 
durch liturgische Einrichtungen mit Anwendung staatlicher Gewalt durchzuführen suchte. 
Hierdurch schuf er für die Agitation vielleicht eine breitere Basis, als wenn es sich nur 
um die alten dogmatischen Streitfragen gehandelt hätte. Fortwährend geübte liturgische
	        
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