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VI. Neue Anfänge (Schliepstein, Ziehe)

Full text: Geschichte der Königlichen Berlinischen Garnisonkirche / Goens, Georg (Public Domain)

von den Tagen des Großen Kurfürsten her wohlerzogene Gemeinde be— 
herbergte, zu ärgerlichen Auftritten. Unruhe und Unordnung waren 
an der Tagesordnung. Es ist ja möglich, daß Ziehes manchmal derbe 
Predigtweise, die wohl auf den Schlachtfeldern, nicht aber in gleichem 
Maße in der Königlichen Garnisonkirche der Haupt- und Residenzstadt 
Anklang finden mochte, zum Oefteren mehr reizte als beruhigte. Es 
lassen sich ja mündliche Ueberlieferungen nicht im Einzelnen auf ihre 
Echtheit prüfen, aber wenn er zum Beispiel am 1. Ostertage bei 
Gelegenheit der Markusstelle „und sahen einen Jüngling zur rechten 
Hand sitzen, der hatte ein lang weiß Kleid an“ den Kürassieren zurief: 
„Aber Ihr, Kürassiere, wenn Ihr auch »ein lang weiß Kleid« anhabt, 
braucht darum noch lange nicht zu denken, daß Ihr Engel seid!“ oder 
wenn er über Psalm 147, 10 predigte „Der Herr hat nicht Lust an der 
Stärke des Rosses, noch Gefallen an Jemandes Beinen“, und dann 
disponirte: des Herrn gänzliches Mißfallen an der preußischen Armee, 
nämlich: 1. an der Kavallerie, 2. an der Infanterie, — — so sind das 
Dinge, so drastisch, daß man es dem jungen Offizier, geschweige denn den 
Leuten weiter nicht übel nehmen kann, wenn sie, in menschlicher Schwäche 
die Heiligkeit des Ortes vergessend, laut auflachten; und wenn die Sol—⸗ 
daten im gegebenen Falle zu Hunderten miteinander sterben sollen — so 
ist dazu die Kehrseite, daß sie auch zu Hunderten miteinander lachen 
werden. 
Aber selbst wenn diese Art der Predigt der Wahrheit entsprochen 
haben sollte, es wird sich doch immer um seltene Einzeldinge gehandelt 
haben. Das „Getöse“ aber drohte sich zu verewigen, und von unserem 
heutigen soldatischen Gefühl aus betrachtet, scheint es schier unglaublich, 
daß der Pfarrer in Gegenwart des General-Feldmarschalls v. Gneisenau 
seine Predigt wegen Lärmens der Zuhörer abbrechen mußte, und daß 
3. B. ein Regimentskommandeur dem Geistlichen in die Sakristei sagen 
läßt, „er brauche nicht zu predigen, nach beendigter Liturgie werde er 
mit seinen Truppen abziehen“, während ein anderer Kommandeur für 
sein Regiment die Predigt fordert. Das Gleiche wie der Garnisonpfarrer 
erfuhren auch die drei Divisiouspfarrer Sydow, Stüler und Bollert. 
Aber Ziehe war nicht der Mann, sich irgend etwas Ungehöriges ge— 
fallen zu lassen. Er richtete in Gemeinschaft mit seinen Amtsbrüdern
	        
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