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Full text: Geschichte des Evangelischen Johannesstiftes in Plötzensee-Berlin (Public Domain)

ersten Male an die öffentlichkeit. Vor einer großen Versammlung in der Sing— 
akademie — welcher die Prinzessin von Preußen, die spätere Kaiserin Augusta, sowie 
deren Sohn, Prinz Friedrich Wilhelm, der nachmalige Kaiser Friedrich III., und 
deren Tochter, die Großherzogin von Baden, ferner ein großer Teil der Minister, 
viele Mitglieder der höchsten Staats- und Kirchenbehörden, der Parlamente, des 
tädtischen Magistrats und der Stadverordneten beiwohnten — legte Wichern den 
Plan der Johannes-Stiftung und die Mittel und Wege zur Ausführung desselben 
eingehend dar. Darnach bezweckt das Johannesstift zunächft, Männer und Jünglinge 
zu sammeln, die den Dienst der christlichen Barmherzigkeit zu ihrem Lebeusberufe 
erwählt haben. Als in solchem Berufe christlicher Bruderliebe in brüderlicher Liebe 
unter einander Verbundene werden dieselben Brüder genannt. Das Johannesstift 
ist in diesen Sinne ein Brüderhaus. Dasselbe gewährt seinen Genossen nächst 
dem nötigen Unlerhalte die besondere theoretische und praktische Vorbereitung, deren 
sie fir ihren neuen Beruf bedürfen. Sie empfangen einen mehrjährigen Unterricht 
und diejenige Anleitung, durch welche sie gerüstet werden, die ihnen gestellten 
schwierigen Aufgaben zu lösen. Nach solcher Vorbereitung öffnet ihnen das Johannes— 
stift den Weg, um auf den verschiedenen Arbeitsgebieten dienender Liebe, in der 
Armen⸗, Kranken-, Gefangenen- und Kinderpflege u. s. w. den Bedürftigen und Ver— 
lassenen Hülfe zu bringen. — Das Johannesstift ist also keine lokale, nur Berlin 
angehörige Anstalt, sondern es soll mit seinen Kräften dem ganzen deutschen Vater— 
lande, der ganzen evangelischen Kirche dienen. — Das Institut untersteht der Auf— 
sicht des Staates und der Kirche; es ist aber keine Staatsanstalt, sondern ein Werk 
der freien christlichen Barmherzigkeit. — Die gefamte Verwaltung GBerufung 
und Entsendung der Brüder, Unterricht ꝛc.) liegt in der Hand des Vorstehers 
(der erste war Dr. Wichern), die rechtliche und geschäftliche Vertretung nach Außen, 
sowie die Verwaltung der Geldmittel in der Hand des Kuratoriums. An das— 
selbe reiht sich der Stiftsrat, ein Kreis helfender und beratender Freunde. In den 
einzelnen Provinzen der Monarchie werden Vertranensmänner ernannt, welche in 
der Ferne die Interessen des Stifts fördern und wahren. 
Die Worte Wicherns wurden mit großer Begeisterung aufgenommen. Gleich 
am zweiten Tage nach dieser Versammlung übersandte das Königspüar 10,000 Thaler, 
es folgten alle Mitglieder des Königlichen Hauses mit reichen Gaben. Aus Berlin, 
aus allen Teilen der Monarchie, ja auch aus anderen deutschen Ländern liefen die 
Gaben der Liebe ein. 
Am 20. Juli 1858 erteilte der Prinz-Regent der Stiftung die Korporations-— 
rechte, am 15. Januar 1859 erfolgte die Allerhöchste Bestätigung der Statuten. 
So konnte denn die Arbeit des Stiftes beginnen. Bei dem 2öjährigen Jubel— 
fest des Rauhen Hauses (1858) fand die feierliche Entsendung von 12 Brüdern 
dieser Anstalt von Hamburg nach Berlin statt, sowie des Pastors Oldenberg, welcher 
seit 1848 Mitarbeiter Wicherns gewesen, und der nun das Inspektorat des Johannes— 
stiftes übernahm. Zugleich war derselbe als Prediger an das Zellengefängnis in 
Moabit berufen. In dem Eckhause Alt-Moabit-Werftstraße — Alt-Moabit 38 
— wurde das Johannesstift eröffnet (1868). Hier finden wir die zwölf Brüder 
vormittags im Unterricht, nachmittags aber sehen wir sie in die Straßen und Häuser 
der Großstadt eilen, um die Wunden leiblichen und geistigen Elends, sonderlich auf 
dem Gebiet der Armen- und Entlassenen-Pflege zu verbinden und zu heilen. 
Nach kurzer Zeit ergab sich aus dieser Ärbeit die Aufgabe, solche Kinder, 
denen die häuslichen Verhältnisse Gefährdung drohten, der Gefahr zu entreißen, 
d. h. ein Kinderhaus, ein Erziehungshaus dem Stifte hinzuzufügen. Wir sehen 
also das Johannesstift den umgekehrten Weg beschreiben wie das Rauhe Baus.
	        
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