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10. Zweites Ketzergericht

Full text: Moderne Ketzergerichte / Vogtherr, Ewald (Public Domain)

keit übernehmen. Wir sind ein gebildetes Volk; aber unser deutsches 
Volk war auch immer ein frommes Volk, das scheue ich mich nicht 
hier auszusprechen, und dafür trete ich hier ein. (Bravo!) 
Stadtv. Dr. Friedemann: M. H.! Es frent mich, daß der 
Herr Vorredner die Bedeutung des Wunder'schen Antrages uns klar 
gestellt hat. Bisher konnte es noch den Anschein haben, als wenn 
nur ein formales Bedenken bei den Herren obwalte; Herr Kollege 
Baumgarten war aber offen genug, sich im Prinzip auf den Stand— 
punkt des Herrn Dr. Bailleu zu stellen, (sehr richtig!) und ich 
meine, daß dies den Wunder'schen Antrag hinreichend kennzeichnet. 
Ich hatte schon vorher die Ueberzeugung — nach dem, was ich aber 
jetzt gehört habe, kann kein Zweifel obwalten, daß durch diesen Antrag 
nur bezweckt wird, die Sache in milderer Form zu Falle zu bringen. 
M. H.! Ich bedaure vor allen Dingen, daß wir uns fort— 
während in die Sache der religiösen Standpunkte hineinmischen; 
meiner Ansicht nach hat die Sache mit der Frage der Wahrheit des 
religiösen Bekenntnisses gar nichts zu thun. Die Stadt gewährt 
Räumlichkeiten zu allgemeinen Bildungszwecken; nicht blos zu religiöfen 
Angelegenheiten; sie gewährt sie drittens für die Humboldt-Akademie, 
für viele andere Institute. Fragen Sie denn da, m. H. ob die 
Sachen, die dort gelehrt werden, alle Ihrer Ansicht entsprechen! 
Nein, Sie sagen: das sind allgemeine Bildungszwecke, und deshalb 
halten wir uns für verpflichtet, auch derartige Bildungszwecke zu 
unterstützen. 
Nun wird freilich von dem Herren Referenten und vom Herren 
Dr. Bailleu betont: es seien verderbliche Lehren, die man dort ver— 
breite, und solche verderbliche Lehren dürfen wir nicht fördern! 
Widerspruch.) Ja, wenigstens der Herr Referent hat das aus— 
drücklich gesagt. M. H.! Wenn es wirklich verderbliche Lehren wären, 
so würde wohl keiner von uns sich dazu hergeben, sie zu uünterstützen. 
Aber die Frage dreht sich gerade darum, ob es wirklich richtig sei, 
weil diese Gemeinschaft nicht an einen persönlichen Gott glaubt, weil 
sie sagt: unsere Religion ist reine Sittenlehre, und die Sittenlehre 
genügt uns. — deshalb zu behaupten, daß ihre Lehre verderblich sei. 
Ich verstehe es absolut nicht, wie man einer Gemeinde, die gerade 
die Sittenlehre als ihr höchstes Prinzip aufstellt, etwas Unsittliches 
unterlegen kann. Ich stehe nicht auf dem Standpunkte der freien 
Gemeinde; sonst würde ich derselben angehören. Aber ich besitze 
genug Objektivität, daß ich mir sage: mein subjektives Urtheil darf 
hier nicht zu Gericht sitzen, sondern, wenn diese Herren sich bestreben, 
sittliche Grundsätze zu verbreiten, so ist es mir gleichgiltig, welches 
sonstige religiösse Dogma sie haben. — 
Ja, was heißt das, wenn Herr Dr. Bailleu sagt: eine Religion ohne 
Gott giebt es nicht —? Die Frage ist zwar, wie gesagt, unerheblich; 
denn wir geben auch nichtreligiösen Gemeinschaften Lokalitäten. 
Aber ich wundere mich, daß Herr Dr. Bailleu die Geschichte und ins— 
besondere die Religionsgeschichte so wenig kennt, daß er nicht weiß, 
daß die größte Religionsgemeinschaft der Menschheit, nämlich der
	        
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