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10. Zweites Ketzergericht

Full text: Moderne Ketzergerichte / Vogtherr, Ewald (Public Domain)

M. H.! Der Antrag Wunder nimmt mich Wunder. Heiterkeit.) 
Sie werden zugeben, daß eine Wohlthat, wie es die ist, welche die 
5 Herren mit ihren Antrag der freireligiösen Gemeinde erweisen 
wollen, überhaupt keine Wohlthat ist. Was bezweckt der Antrag? 
Ich habe nicht selbst die böse Idee gehabt, aber ein pessimistifch 
denkender Freund äußerte mir: es ist dadurch ein kleines, bequemes 
Hinterthürchen geschaffen worden für solche, welche nicht gern anneh— 
men und nicht gern ablehnen möchten, und ich meine, das ist auch 
die richtige Auffassung. Denn wer annehmen will, kann auch ohne 
jene Wunder'sche Klausel annehmen; der muß die Wohlthat nicht in 
Verbindung bringen mit einer Maßregel, die diese Wohlthat nicht nur 
wieder aufhebt, sondern direkt einen Schlag ins Gesicht bedeutet. 
Denn, m. H., ich glaube, Sie selbst würden, wenn Sie, was ich hoffe, 
Achtung vor der freireligiösen Gemeinde und ihren Bestrebuugen haben. 
diese Achtung verlieren müssen von dem Augenblicke an, wo Sie 
sähen, daß diese Gemeinde ihr Selbstverwaltungs- und Selbstbestim— 
mungsrecht aufgiebt. Und weswegen? Um ein paar Schulräume zu 
bekommen. Ich würde vor einer solchen gewissenlosen Inkonsequenz 
keine Spur von Achtung mehr haben, und ich hoffe deshalb, daß Sie 
es der freireligiösen Gemeinde auch nicht übel deuten werden, wenn 
sie sich demgegenüber einigermaßen kühl verhält. Ich glaube zu der 
Erklärung berechtigt zu sein, daß unter einer Bedingung, wie sie der 
Antrag Wunder und Genossen enthält, die freireligiöse Gemeinde 
selbstverständlich lieber auf eine Geldunterstützung und dauf die Schut— 
räume in der zehnten Potenz verzichtet, ehe sie sich hineinsprechen 
läßt in ihr Selbstbescimmungsrecht und in das Wahlrecht fur ihre 
Lehrer. Der Antrag Wunder schafft hier einfach einen Ausnahme— 
zustand, wie er nicht schöner oder nicht häßlicher sein kann, einen 
Ausnahmezustand schon deshalb, weil bisher die freireligiöse Gemeinde 
weder der Stadtverwaltung noch dem Magistrat, noch der Schuldepu— 
tation, noch dem Provinzialschulkollegium irgend eine Rechenschaft 
darüber schuldig war, wie ihre Lehrer beschaffen waren. Dieser Zu— 
stand existirt jetzt schon und er soll aufgehoben und durch einen Zu 
stand der Bevormundung ersetzt werden. wie ihn jener Antrag herbei 
führen würde. 
M. H.! Die Ausführungen, die ich dem Herrn Berichterstatter 
und der Meinung des Petitionsausschusses gemacht habe, beziehen 
sich auf die rein pratktische Frage und auf die ideelle Frage. In 
Bezug auf die ideelle Frage behaupte ich und glaube es nachweisen zu 
können, daß ein großer Theil der Herren, welche über die freireligiöse 
Gemeinde und ihre Lehren den Stab gebrochen haben, sich noch nicht 
die Gewißheit verschafft hat, die zu einem eingehenden Urtheil gehört. 
Da ich der Ueberzeugung bin, daß in ihren Kreisen der Durft nach 
Aufklärung und nach Gewißheit ein sehr großer sein wird, so stelle 
ich der geehrten Versammlung hier ein Haͤufchen Schriften koĩtenlos 
zur Verfügung, woraus Sie sich nach Ihrem Appetit wählen können, 
um sich daraus Klarheit und Gewißheit zu verschaffen, um was 
es sich dabei handelt: denn diese Gewißheit fehlt Ihnen in Wirklichleit.
	        
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