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2. Fromme Denunzianten

Full text: Moderne Ketzergerichte / Vogtherr, Ewald (Public Domain)

welcher in sittlichsentrüsteten Worten darauf hinwies, daß die städti— 
schen Behörden 1. der freireligiöbsen Gemeinde Schulräume für ihren 
Religionsunterricht hergeben, und zwar ohne sich darum zu kümmern, 
daß 2. jener Religionsunterricht ein atheistischer sei, und 3. von dem 
sozialdemokratischen Stadtverordneten Kunert ertheilt werde. Natürlich 
hieß es „der Staat sei in Gefahr“ und es sei deshalb nöthig, daß 
die zuständigen Behörden diesen Uebelständen schnellstens ihre für— 
sorgende Aufmerksamkeit schenkten. Die letztere ließ nur wenige Tage 
auf sich warten, denn schon am 20. August erhielt Kunert folgendes 
Achreihen: „Berlin, den 16. August 1888. 
Nach hiesigen Zeitungsnachrichten ertheilen Sie Unterricht an 
schulpflichtige Khinder von Mitgliedern der freireligiösen Gemeinde, 
obgleich Sie keinen Unterrichtserlaubnißschein besitzen. 
Im Auftrage des Herrn Ministers der geistlichen pp. Angelegen— 
heiten fordern wir Sie auf, uns umgehend mitzutheilen, ob, an wen, 
zu welcher Zeit und in welchen Unterrichtsfächern Sie Unterricht 
ertheilen, sowie, ob Sie für den Unterricht Schulgeld erheben oder 
dafür anderweitige Entschädigung (Gehalt pp.) beziehen und eventl. 
von wem die Entschädigung gezahlt wird. 
Städtische Schul-Deputation. 
Schreiner.“ 
Der Apparat hatte schnell gearbeitet, schneller, als man es sonst 
den „Unterthanen“ gegenüber * nöthig findet, wofür sich später 
praktische Beispiele zeigen! — Vielleicht wäre es angebracht gewesen, 
wegen der ungerechtfertigten Forderung eines Unterrichtserlaubniß— 
scheins diesen Brief unbeantwortet zu lassen. Die darauf ge— 
zebene Antwort erfolgte auch nicht seitens des Briefempfängers, sondern 
seitens des Vorstandes der freireligiösen Gemeinde, und lautete: 
„Ihr Schreiben an Herrn Kunert ist von diesem der freireligiösen 
Gemeinde überwiesen worden und da dasselbe ja wesentlich die Ge— 
meinde angeht, so erlauben wir uns, es zu beantworten. 
Unsere Gemeinde besteht bereits seit 1840 und hat während 
dieser Zeit von verschiedenen Mitgliedern, wie Brauner, katholischem 
Kaplan, — Hermann Jakobson, Dr. juris und Stadtrath, — 
A. T. Wislicenus, evangelischem Prediger, — G. S. Schäfer, Lehrer, — 
F. Huber, Dr. phil. und Schriftsteller, die Kinder durch Religions— 
unterricht für die Jugendaufnahme vorbereiten lassen, ohne daß es 
eines Unterrichtserlaubnißscheines bedurfte; unseres Wissens haben 
auch die Prediger u. s. w. der jüdischen und christlichen Kirchen und 
Sekten zur Vorbereitung der Kinder für die Konfirmation, Firmelung 
u. s. w. einen solchen Schein nicht nöthig. 
Jetzt giebt unser Gemeindemitglied, Herr Kunert, geprüfter Lehrer 
und Stadtverordneter, den Gemeindekindern die Unterweifung in 
unseren freireligiösen Anschauungen und zwar des Mittwochs und 
Sonnabends von 2—4 Uhr, wofür die Gemeinde eine Entschädigung 
zahlt! — Ergebenst 
Der Vorstand der freireligiösen Gemeinde.“
	        
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