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12. Gegenwärtiges und Künftiges

Volltext: Moderne Ketzergerichte / Vogtherr, Ewald (Public Domain)

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gehenderen Behandlung als in diesen Zeilen möglich ist. Schreiber 
dieses steht auf dem Standpunkt, daß von Parteiwegen eine Ver— 
pflichtung zum Kirchenaustritt nicht ausgesprochen werden kann, daß 
aber für jeden Menschen, also auch für jeden Sozialdemokraten die 
moralische Pflicht besteht, wie in allen anderen so auch in reli— 
ligiösen Fragen offen Farbe zu bekennen, — sich sowie seine 
Auͤgehörigen auch nicht mehr dem Namen nach zur Kirche oder 
Judenthum zählen zu lassen, wenn man seiner Ueberzeugung 
nach nicht mehr dazu gehört, — und endlich auch die Pilicht 
besteht, seine Kinder dementsprechend zu erziehen! — 
Die weitere Frage, inwieweit Sozialdemokraten Veranlassung 
haben, die freireligiöse Bewegung zu unterstützen, ist kürzlich in einer 
trefllichen Schrift von Dr. Bruno Wille: „Die Sozialdemokratie 
und die freien Gemeinden“ (Abdruck einer Polemik in der Sächsischen 
Arbeiterzeitung), besprochen worden, und mögen alle sich für diese 
Frage Interessirenden jenes Schriftchen lesen. 
Ehe wir nun dazu schreiten, zu erörtern, von welchem Einfluß 
die Zugehörigkeit von Sozialdemokraten zur freireligiösen Bewegung 
auf letztere ist und sein wird, mag erst ein kurzes Streiflicht auf den 
früheren und jetzigen Stand dieser Bewegung selbst geworfen werden. 
Ganz abgesehen davon, was den unmittelbareun Anlaß zur frei— 
religiösen Bewegung gegeben hat, war dieselbe ein Vordringen eines 
Theils der bürgerlichen Demokratie, die sich allerdings lange Zeit 
hindurch mit sehr bescheidenen sachlichen Erfolgen begnügen mußte 
uͤnd auch begnügte, da ihr das wirkliche Ziel der Eutwickelung damals 
wohl kaum vor Augen stand! — Man war zufrieden, sich in kleineren 
Gemeinden zusammenthun zu können, theils ohne konsistoriale Auf— 
sicht, — und sich an diesen selbstgeschaffenen Sammelpunkten mit 
Hilfe selbst gewählter Prediger oder Sprecher und selbst ausgestellter 
Glaubensnormen erbauen zu können! Der Traum an eine kreiere, 
im Innern zu reformirende „Kirche der Menschheit“ umfing 
fast alle jener Männer, die, oft mit vielen Opfern an Gut und Leben 
und alle mit eifrigem treuen Muth ihre Ziele verfolgten! Je nach 
den Anschauungen der leitenden Kräfte früher oder später, ver 
wandelte sich der Theismus in Pantheismus, und erst viel später 
kamen ausgesprochene atheistische Anschauungen zu Tage! — Diese 
Ungleichmäßigkeit in der Fortbewegung hat sich erhalten his auf den 
heutigen Tag, — theils lokale, theils persönliche Umstände waren 
schuld daran, — noch heutigen Tages sehen wir manche zum Bunde 
freier religiöser Gemeinden Deutschlands gehörige Gemeinden in jenes 
mystische Halbdunkel gehüllt, welches die zähe Anhänglichkeit an kirch— 
liche Ideen und kirchliche Gebräuche verursacht! An diesem Halb— 
dunkel vermag auch die in einzelnen Gegenden bemerkbare behördliche 
Gunst nichts zu äundern: denn „Obrigkeiten“ haben kein sonderliches 
Interesse, der Verbreitung von Aufklärung förderlich zu sein! 
Kann denn auch durch Halbheiten eine solche Bewegung wie 
die freireligiöse gefördert werden? Kann es Zweck haben, aus den 
Kirchen auszutreten, um stawmmverwandte Ableger zu züchten, — um
	        
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