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11. Nach neun Monaten

Full text: Moderne Ketzergerichte / Vogtherr, Ewald (Public Domain)

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klärung und durch Loslösung vom Konfessionalismus er— 
wachenden Selbstbewußtsein des großen Volkes, allen ihren 
offenen und geheimen Unterdrückungsplänen ein unver— 
söhnlicher Feünd heranwächst!“ 
12. Gegenwärktiges und Künftiges. 
Mehr als sonst ist ankäßlich des vorstehend geschilderten Kampfes 
der Berliner freireligiöbsen Gemeinde ein Vorwurf daraus gemacht 
worden, daß sie zum größten Theil ihrer Mitglieder aus Sozial— 
demokraten bestaͤnde! — Die Wahrheit dieser Beobachtung kann 
ohne alle Umstände zugegeben werden und es ist auch möglich, ja 
sehr wahrscheinlich, daß sich der Streit mit den städtischen Behörden 
anders gejtaͤltet hätte, wenn das anders wäre! — Dagegen ist doch 
sehr die Frage, ja es ist direkt zu verneinen, ob der freireligiösen 
GBemeinde oder irgend einer anderen Vereinigung daraus ein Vorwurf 
oder auch ein weittragender Nachtheil erwächst, daß sich eine mehr 
oder minder große Zahl Sozialdemokraten zu ihr zählen! Zunächst 
ijt zu bemerken, daß es ein zwar schon gewohnter aber doch recht 
spießbürgerlicher Brauch ist, fast alle möglichen wichtigen und harm— 
losen Vereinigungen mit in erster Reihe darauf zu prüfen, ob und 
in welchem Maaße wirkliche oder muthmaßliche Sozialdemokraten zu 
ihnen gehören, und jene eifrigen Taxatoren begehen dabei noch den 
Rechensehler, daß sie alle äußerlich dem Arbeiter- und Kleinbürger— 
ftande Angehörigen als Sozialdemokraten ansehen! — Ja, wenn sie 
es nur auch wären! — Aber selbst wenn man nur eine kleine Zahl 
solcher Bösewichter entdeckt, stecken schon die Anderen eine höchst 
komisch wirkende bedächtige Miene auf! — Ob man hierzu Veran— 
lassung hat, davon später. 
Was zunächst die Berliner freireligiöse Gemeinde anlangt, so sind 
von ihren 3000 6000 Angehörigen ca. 1800 zahlende Mitglieder, 
deh. solche, die bei vorliegender Frage in Betracht kommen. Natürlich 
finden sich in Berlin noch mehrere Tausende Solcher, die zwar aus 
den Konfessionen ausgeschieden sind, aber der Gemeinde nicht ange— 
hören und daher auch nicht mit rechnen. Nimmt man nun an, daß 
von obigen 1800 Mitgliedern 1500 ansgesprochene Sozialdemokraten 
sind, und bedenkt man ferner, daß bei der letzten Reichstagswahl am 
19. Februar 1890 in Berlin 126000 sozialdemokratische Stimmen 
abgegeben wurden, so muß Jedem einleuchten, eine wie verschwin— 
dend kleine Zahl So ialdemokraten der Gemeinde zugehören. Aber 
fragt denn jetzt Niemand danach, wo die übrigen 124500 
untergebracht' sind? Machen denn nicht jene Angstmaier ihren 
eigenen Synagogen- und Kirchen-Gesellschaften „Vorwürfe“ daraus, 
daß sie so erschreckend viel Sozialdemokraten bergen? — Ja, Bauer, 
das ist ganz etwas Anderes! — 
Die Frage, ob und inwieweit Sozialdemokraten verpflichtet 
sind, aus Kircke und Judenthum auszutreten, bedarf einer ein—
	        
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