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11. Nach neun Monaten

Full text: Moderne Ketzergerichte / Vogtherr, Ewald (Public Domain)

Ansicht des Herrn Schulraths ist bei dem Beschluß leider allzusehr 
in die Wagschale gefallen. Ich meine, mit solchen rein äjubjektiven 
Ansichten sollte sich die Stadtverwaltung nicht abgeben. Sie sollte 
sich in dieser wie in allen ähnlichen Fragen nur vor die eine Frage 
stellen: haben wir die Möglichkeit, haben wir die Mittel, eine be— 
rechtigte Forderung zu erfüllen? Haben wir die Möglichkeit, Anders— 
denkeüuden eine Wohlthat zu Theil werden zu lassen? Wenn nicht, 
dann müssen Sie eben von dem religiösen Parteistandpunkt ausgehen. 
Wenn die Schuldeputation und der Magistrat wollen für ihren 
Beschluß derartige Gründe maßgebend sein lassen, dann entscheiden 
die Gründe nicht mehr, sondern dann entscheidet in solchen und ähn— 
lichen Fragen ein unberechtigter, eigensinniger und freier Wille. 
(Die Berathung wird geschlossen. Zum Wort waren noch 
gemeldet die Stadtv. Stadthagen und Dr. Friedemann.) 
Vorsteher: Damit ist dieser Gegenstand erledigt; ich konstatire, 
die Versammlung Keuntniß genommen hat. 
Das war vorläufig der letzte Akt dieser Tragikomödie! Vorläufig! 
Die schiefe und lendenlahme Erklärung, hinter welche sich die 
Weigerung des Magistrats verkriecht, mit ihren unlogischen und un— 
geseßlichen famosen Bedingungen ist in der Debhatte hinreichend 
gekeuͤnzeichnet worden, — nur die mündlichen Auslassungen des 
Magistrats-Vertreters sind noch nicht genug gewürdigt worden. (Ihr 
augenblickliches Verständniß, soweit das überhaupt möglich, wurde 
durch große Unruhe sehr erschwert. — Was für Gründe und Schein— 
gründe wuürden da herangezogen, um die schiefe Stellung des Ma— 
gistrats zu verbergen. Ein mißdeutetes Ministerial-Reskript und ein 
nicht mehr giltiger Landrechts-Paragraph! Komisch war ferner die 
Behauptung: „Uuter Religion verstehe man in der ganzen Welt, wo 
von Religion die Rede ist, wenn man sie auch in der verschiedensten 
Weise definirt, doch jedenfalls eine Beziehung des Menschen zu 
Gott!“ Zwar wurde dem entgegen der Stadtschulrath schon durch 
einen Zwischenruf auf den Buddhismus hingewiesen, aber dieser 
mit seinen etwa 4200 Willionen Anhängern scheint nicht für voll zu 
zgelten! — 
Barthélemy-St. Hilaire sagt in „Buddha und seine Religion“: 
— „Es findet sich auch nicht die geringste Spur des 
Glaubens an Gott in dem ganzen Buddhismus“. — „Er 
der Buddhismus) ignorirt Gott auf eine so voltständige 
Weise, daß er ihn nicht einmal zu leuguen ver sucht!“ — 
Komisch war ferner, wie als Abgrund aller Sünden der Wille— 
sche Vortrag „das Leben ohne Gott“ mit Schrecken erwähnt, 
und, gegenüber dem Vogtherr'schen Urtheil über die Bibel, die 
letztere als „heilige Schrift“ gar gewaltig herausgestrichen wurde! 
Demnach scheinen die vielen Stellen unsittlichen Inhalts Nichts 
zu bedeuten, wie z. B.; — — 
1. Buch Mosis, K. 12, 112519. 20, 2-18. Abraham treibt schändlichen 
Handel mit der Ehre seiner Frau Sara. 
K. 16, 1516. Sara verschafft ihrem Manne Abraham
	        
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