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11. Nach neun Monaten

Full text: Moderne Ketzergerichte / Vogtherr, Ewald (Public Domain)

Anzahl von Exemplaren der heiligen Schrift steht, ein Unterricht er— 
theilt wird an Schüler, womöglich derselben Schule, denen gesagt 
wird, dieses Buch müßt ihr meiden? Das wollen Sie Ihren Schülern 
sagen, sagen im Angesicht dieser Exemplare in einem Lokal, in welchem 
wir lehren den Kindern, die mit den anderen dieselbe Schule besuchen, 
daß das heilige Schriften sind. Sie wollen dem Glauben, der Sitte, 
der Religion weitaus des größten Theils unserer Bürgerschaft ins 
Gesicht schlagen und verlangen, daß wir Ihnen dazu behülflich sein 
sollen? (Lebhafte Zustimmung.) Also, m. H., ich darf wohl hiermit 
schließen. Es ist ganz richtig, was Herr Vogtherr gesagt hat: von 
uns ist eine Aenderung in diesen Ansichten nie zu erwarten. (Bravo!) 
Stadto. Vogtherr: M. H.! Ich kann mich zu den „eingehenden“ 
und „sachgemäßen“ Ausführungen des Herrn Schutraths auf ganz 
kurze Gegenbemerkungen beschränken. Zunächst ist die Voraussetzung 
erstaunlich, mit welcher der Magistrat schon im April vorigen Jahres 
gewußt hat, daß sich in den nächsten 9 Monaten allerlei ereignen 
wird, was der Magistrat in seinem Beschlusse zu bedenken hätte. 
Wenn der Herr Stadtschulrath nun als ganz besonders schwer— 
wiegenden und gewichtigen Grund anführt, daß innerhalb der frei— 
religiösen Gemeinde der Vorschlag gemacht worden war, die Gemeinde 
atheistische Gesellschaft zu nennen, so verstehe ich eigentlich nicht, wie 
man daraus einen Vorwurf machen kann. Der Herr Stadtschulrath 
weiß ganz genau — ich selbst habe ihm auch das gesagt — daß die 
freireligiösse Gemeinde in Berlin ihrer weitaus größten Mehrheit nach 
durchaus atheistisch gesinnt ist. Also hätte es vom Magistrat als 
ein Zeichen von Ehrlichkeit und Offenheit angesehen werden können, 
wenn man dieser Gesinnung auch einen entsprechenden Ausdruck giebt. 
Daß das nicht geschehen ist, hat reine Zweckmäßigkeitsgründe, die mit 
der Gesinnung selbst ganz und gar nichts zu thun haben. Also dieser 
Vorgang brauchte dem Magistrat auch nicht den geringsten Skrupel 
zu machen. 
Wenn der Herr Stadtschulrath sich oder vielmehr den Magistrat 
dagegen verwahrte, in Schulräumen, wo Bibelsprüche und dergleichen 
mehr angebracht sind, solche Lehren verbreiten zu lassen, die sich gegen 
dieselben richten, ja, wie der Herr Schulrath mit Pathos hervorhob, 
sogar gegen die Gesinnung der weitaus größten Mehrheit der Be— 
bölkerung Berlins, so ist auch dieser Grund durchaus hinfällig. Denn, 
m. H., ist denn das so etwas Absonderliches und zu viel verlangt 
von einer Behörde, von einer Stadtverwaltung, daß sie auch einer 
Minorität Schutz und Anerkennung zu Theil werden lasse? Unruhe.) 
Der Magistrat soll sich doch nicht hinstellen und noch polizei— 
licher sein wollen, als es die Polizei selbst ist. Ich weiß nicht, wie 
sich der Magistrat in die Gefahr begeben kann, hier mit großen 
Worten und mit einer schriftlichen Antwort angeblich berechtigte 
Forderungen hinzustellen, von denen er genau weiß, daß sie nicht 
erfüllt werden. Ich meine, das Ansetzen der Schuldeputation wird 
dadurch ganz und gar nicht erhöht. Wir haben es ja hierbei mit 
rein subiektiven Anfichten zu thun und ich meine auch, die subjektive
	        
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