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Erstes Buch. Das Mutterhaus IV. Die arbeitenden Personen

Full text: Bethanien / Schulze, Gustav (Public Domain)

jondern fie war nur die ganz natürliche Scheu gegenüber einer ungewohnten 
Aufgabe, wurde auch wohl bald überwunden, Denn fie ging auf dem betretenen 
Wege weiter, richtete eine Neinfinderfchule ein, las Berichte aus verfchiedenen 
Orten, un zu feben, wie man cs anderswo machte, und Heß fich, mwic man aus 
ihren Aufzeichnungen deutlich erfonnt, alle Erfahrungen nur immer 3u defto 
Marerer Erkenntnis und Befeitigung der ANängel ihres eigenen Arbeitens dienen. 
Auch machte fie Wicherns Befanntfehaft und war Sfters bei ihm im Rauchen Haufe. 
Ahr Dater verbeiratete fich zum zweiten Male mit einem Fräulein von Gräveniß, 
dadurch gewann fie für ihre Arbeiten nody nıchr Seit, aber je Länger und ernfter 
ic es trieb, defto deutlicher fah ic cin, daß fie darin ihre Lebensaufgabe nicht 
Anden Fönne, und daß felbft für das Wenige, was fie that, eine beffere Schulung 
notwendig fe. Schon damals fcheint der Gedanke, Diafonifie zu werden, fie 
bewegt zu haben, denn unter den Berichten, die fie kas, waren auch die aus 
Kaiferswerth. Sie redete aber zu niemandent von ihren Wünfchen, wartete auf 
Hottes Stunde und war gewiß, daß, menn Er fie brauchen wolle, es hun auch 
ein Ceichtes fein würde, fie zu finden. Eine Reife nach Enıs int Sommer 1845 
bot Belegenbeit, Kaiferswerth Fonnen zu lernen. Sie fah fofort, daß dies der 
Drt märe, wo fie alles gewinnen Fönnte, was ihr zunächft für die Heine Witten: 
burger Arbeit noch fehlte, erhielt auch fchr bald ihres Daters Erlaubnis, einige 
Monate dort zu bleiben, mas Paftor Fliedner fehr gern geftattete. So fehr ihr 
Herz fie dahin 305, fo ftarf fühlte fie auf der andern Seite cin Widerftreben und 
Bangen ihrer alten Natur bei diefem Schritte, von dem fie ahnte, daß er ihrem 
ganzen Eeben eine andere Richtung geben würde. Sie faßt ihre Empfindungen 
in jener Seit in die Worte zufanmımen: „Ich Fann nur fagen, daß Gott felber 
nich bei der Band genommen und dahin geführt hat, wohin ich nicht wollte, 
und dag ich nur folgte, weil ich mich in meinem BGewiffen gebunden fühlte und 
der HErr mir nicht Yaum ließ zum Ungehorfam, wie gern ih auch ausgewichen 
wäre.“ Sie ward in Kaiferswerth bald hHeimifch und gewann Fliedners und 
jeiner Gattin volles Dertrauen und ganze Ficbe,. Es zeiste fich auch bald, was 
Bott mit ihr vorhatte. Denn Flicdner, der damals beauftragt war, cine Oberin 
Hür Bethanien zu fuchen, erfannte nach wenigen Monaten, daß fie die von Gott 
beftinmte fei. Das Schreiben, welches er {chon am 2. Februar 1846 ihretwegen 
an König fricdrich Wilhelm IV. richtete, ift zu charakterijti{d) für beide Teile, 
als daß wir es nicht hier volljtändig mitteilen follten. Es lautet: 
Allerdurchlauchtiajter, Großmächtiajter König, 
Alleranädigjter König und Herr! 
Srenen {ich Ew. Majeftät! Der untertbänigft Unterzeichnete hat aute Botfchaft 
u bringen wegen einer Dorjteberin für die neue Normal-Kranfenanftalt zu Berlin. 
Ew. Majejtät huldreichem Anftrag zufolge, eine Dorfteherin dafür vorzufchlagen, 
hatte ich zwar bereits im Frühjahr 1843 die Diakonifüin Mathilde von Nioriey dem Herrn
	        
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