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I. Plan und Begründung

Full text: Wissenschaftlicher Centralverein Humboldt-Akademie / Hirsch, Max (Public Domain)

I. Plan und Begründung. 
Bei der ungemein grossen geistigen Regsamkeit, welche viele Städte 
unseres Vaterlandes und vor allen die Reichshauptstadt seit Jahrzehnten 
Auszeichnete, musste dem genauen Beobachter bis 1878 auch in letzterer 
eine wesentliche Lücke auffallen. Es gab Hunderte von Gesellschaften und 
Vereinen, welche dem Publikum Anregung und Belehrung durch Einzel- 
vorträge der verschiedensten Art darboten, von den Vorträgen der Hand- 
werker- und Bezirksvereine bis zu den berühmten Sonnabend-Vorträgen in 
ler Singakademie. Aber nirgends, ausser den staatlichen Lehranstalten, 
gab es eine Stätte, wo dem ernsteren, gründlicheren Bildungsbedürfniss 
durch zusammenhängende, systematisch gegliederte Vorlesungen über ganze 
Disciplinen oder bedeutende Abschnitte solcher entsprochen wurde. Die 
Kollegien unserer Alma mater und der anderen Staats- Akademien aber 
entzogen sich der grossen Mehrzahl der Gebildeten schon dadurch, dass 
sie während der üblichen Geschäftsstunden stattfinden. Es war die Zeit, 
wo den stolzen Hoffnungen auf allgemeinen auch geistig-sittlichen Auf- 
schwung unserer Nation vielfach bittere Enttäuschung über die Flachheit, 
Eitelkeit und Frivolität des „Halbwissens‘, wenn nicht der Abwendung von 
der Wissenschaft gefolgt war. Soweit diese pessimistische Ansicht be- 
rechtigt erschien, lag es nahe, das Uebel zum Theil mit jener Lücke im 
freien Fortbildungswesen in Beziehung zu bringen und sich zu erinnern, 
dass einst Johann Gottlieb Fichte und Alexander von Humboldt 
hier in unvergesslichen Vortragscyklen die höchsten Probleme des Kultur- 
und Naturlebens vor dem gebildeten Publikum behandelt und die ideale 
Richtung dadurch mächtig gefördert haben. Sollte man nicht auch gegen- 
wärtig, statt zu jammern und anzuklagen, durch eifrige, wenn auch be- 
scheidene Nachfolge auf dieser Bahn handeln und reformiren? 
Solche Erwägungen, geschöpft aus langjähriger Beschäftigung mit dem 
Volksbildungswesen, waren es, welche im Juni 1878 den Verfasser be- 
stimmten, eine Denkschrift unter dem Titel: „Plan zur Gründung 
ziner Anstalt für populär-wissenschaftliche Vortragscyklen‘ 
zu verfassen und an hervorragende Bildungsfreunde fast aller Partei- 
vichtungen zu versenden. Es wurde darin besonders auf den Widerspruch 
hingewiesen, Tausende von jungen Leuten erst lange Jahre in den Gymnasien 
und Realschulen mit reicher geistiger Kost zu nähren und sie dann 
plötzlich, mit dem Beginn praktischer Thätigkeit in Industrie, Handel und 
sonstigem Beruf, ohne Gelegenheit zur Fortsetzung gründlicher Studien, 
wissenschaftlich darben zu lassen. Um diesem Mangel abzuhelfen und 
zugleich so manche brachliegende Lehrkraft bei der geistigen Mobilmachun: 
„u verwenden, empfahl die Denkschrift die Errichtung einer Lehranstalt, 
welche, von einem freien, rein wissenschaftlichen Vereine gegründet, unab- 
hängig von Staat, Kirche, Partei und jeglichem Formalismus, nur den 
Zweck verfolgt: „das für harmonische höhere Bildung, sowie für 
;ffentliches Wirken erforderliche Wissen allen gzenürend vor-
	        
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