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Die Cour der Königin

Full text: Das vornehme Berlin / Robolsky, Hermann (Public Domain)

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zum Vortritt benutzt werden. Die Mitglieder des preußischen 
Hofes wählen die Leibpagen selbst nach einer ihnen zu diesem 
Zwecke vorgelegten Liste. Kaiser Wilhelm J. wählte gewöhnlich 
Söhne ihm bekannter verdienter Offiziere oder höherer 
Staatsbeamter, während Kaiserin Augusta mit Vorliebe die 
Träger der vornehmsten aristokratischen Namen zu ihrem Dienste 
heranzog. Zu tollen Pagenstreichen, wie sie sich einstmals eines 
sprüchwörtlich gewordenen Rufes erfreuten, ist freilich wenig Zeit 
und Gelegenheit mehr; wenn auch die Lust dazu immer noch 
vorhanden sein mag. So erkühnte sich Anfangs der siebenziger 
Jahre ein damals winzig kleiner Page, der jetzt ein riesengroßer 
Gardelieutenant geworden ist, einer Hofdame, die ihren jedenfalls 
zu engen Schuh während eines Diners im Weißen Saale aus— 
gezogen und unter ihren Stuhl gestellt hatte, diesen wegzunehmen 
und in seine Tasche zu stecken. Der nicht mehr so ganz jungen, 
aber um so mehr geistes gegenwärtigeren Dame blieb nichts An— 
deres übrig, als auch den zweiten Schuh zu opfern und das Fest, 
das glücklicherweise nicht mit einem Balle endigte, auf Strümpfen 
fortzusetzen. Der Dienst der Leibpagen besteht vorzugsweise im 
Schleppentragen und Serviren. Beides erfordert große Geschick— 
lichkeit; doch pflegt im Allgemeinen Alles glücklich abzulaufen. 
Werden die Pagen im Frühjahr entlassen, so erhalten sie irgend 
ein kostbares Souvenir, das sie ihr ganzes Leben hindurch als 
werthvolles Andenken hoch in Ehren halten.
	        
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