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Berlin vor hundert Jahren

Full text: Auf märkischer Erde / Trinius, August (Public Domain)

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die in dieser weiten und großen Stadt mit so vielerlei 
Gegenständen sich beschäftigen; der Geschmack, der in 
jedem Zuge auf jedes Gesicht sich I5 ristisch malt; 
das freie, zufriedene Wesen, dag r nwohner hier 
allenthalben mit sich im Busen beree, das gefällige, 
ganz zur Gastfreiheit besti.. .! die duldende 
Denkungsart — kurz alles, wa. c remdling hier 
sieht und hört, ist für ihn Reiz un, C.“ . — — 
Fast zwei Wochen mußten erst *5355c1 um unter 
der schimmernden Hülle den kranken Lern zu entdecken, 
die Sittenlosigkeit jener Tage, welche das gesammte 
Empfinden und Denken fast aller Volksschichten zersetzte 
und lahm legte. Der edle Enthusiasmus des Aus— 
länders, welchem Berlin Anfangs wie Athen und Sparta 
vereint erschien, machte dann um so rascher einer totalen 
Entnüchterung Platz. Aber auch das, was Berlin 
äußerlich bot, besaß, wie jede Medaille, seine Kehrseite. 
Für den Reisenden, welcher die Hauptstadt zum 
ersten Male durch das Hamburger⸗, Schlesische- oder 
Kottbuser Thor betrat, bot sich ein so kläglicher Anblick 
dar, der ihn gewiß betroffen machen mußte. Auch die 
Köpenicker Vorstadt wie die Linienstraße zeigten das Bild 
tiefsten menschlichen Elendẽ Ueberall sah man Baracken, 
mühsam gestützte Häuser; wüste, unbebaute Plätze; große 
Misthaufen vor den Szüren; die Straßen theilweise un— 
gepflastert, so daß bei dem vorherrschenden Ostwinde 
Passanten wie Anwohner sich nur schwer vor den dichten 
Staubwolken sichern konnten, während Regengüsse andrer— 
seits das Vorwärtskommen für Wagen und Pferde in 
dem aufgeweichten Morast fast ganz unmöglich machte. 
Aber auch auf den Schmuckpläßen im Mittelpyunkte der
	        
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